Ansichtssache — Grundlagen der Bildgestaltung und der Goldene Schnitt

Bildgestaltung: Goldener Schnitt, Linien und graphische Elemente

Klar, auch ein Schnellschuss kann ein wunderbares Bild ergeben. Manche haben ja genau das zu einer Kunstform erhoben.
Erlernbare Grundlagen eines überlegten Arrangements aber sind neben der Beschäftigung mit technischen Grundlagen wie Belichtung oder Schärfentiefe der Schlüssel zum guten Bild. Viele Unwägbarkeiten der Technik nehmen einem die modernen Kameras ab, aber für ein geplant gutes Bild ist die Beschäftigung mit dem Bildaufbau unabdingbar. Das gilt für jeden Kameratyp.

Erst aus der Sicherheit im Umgang mit Regeln wächst spielerische Kreativität. Die Kenntnis von Grundlagen ermöglicht den bewussten Bruch mit gängigen Sehgewohnheiten und führt zu Ansichten, die man so zuvor noch nicht gesehen hat.

Das Motiv und der Goldene Schnitt

Unerfahrene Fotografen wählen meist die Bildmitte, um ein Motiv zu platzieren, alleine schon, weil dort meist der Autofokus sitzt. Diese Bildaufteilung liegt sogar nah, wenn eine Landschaft und deren Spiegelung im Wasser fotografiert wird; die Schnittkante verläuft dann idealerweise in der Bildmitte.

Sonst aber ist die Bildmitte meist nicht ideal für unser ästhetisches Sehempfinden, welches seit der Zeit der Griechen und Römer schon den Goldenen Schnitt bevorzugt, der sich auch in der grafischen Gestaltung, der Malerei und vielen anderen Bereichen wiederfindet.
Die Harmonie wird durch ein bestimmtes Teilungsverhältnis hervorgerufen.

Der Goldene Schnitt — Was ist das?

Gute Modedesigner kreieren dann und wann den Goldenen Schnitt, aber der hat — im Gegensatz zur Fotografie — nichts mit einer Drittelung zu tun. Per definitionem ist er folgendermaßen festgelegt:

Eine Strecke xy (die im Sucher erfasste Höhe bzw. Breite des Ausschnittes mit den Endpunkten x und y) wird von einem Punkt p so geteilt, dass die Division der längeren Teilstrecke xp und der kürzeren Teilstrecke py gleich der Division der Gesamtstrecke xy mit der längeren Teilstrecke xp ist. Das Ergebnis ist in beiden Fällen 1,618.

Der Goldene Schnitt

Der Goldene Schnitt

So, das war’s mit diesem Eintrag, ich wünsche viel Freude beim Berechnen der Aufnahme… (Ich für meinen Teil esse Weihnachten gerne zeitig und halte mich nicht mit 1,618 auf.)

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Na gut, es geht noch ein bisschen weiter im Kontext, aber ohne 1,618. Versprochen. In der Praxis müsste man nun die Strecke im Verhältnis von etwa 60:40 (genauer 62:38) teilen, was aber eher unpraktisch ist.
Gute Ergebnisse erzielt man auch mit einer gedachten Drittelung (Rule of Thirds). Zwei horizontale sowie zwei vertikale Linien unterteilen das Bild in neun gleich große Felder.

Goldener Schnitt -- Drittelung (Rule of Thirds)

Goldener Schnitt -- Drittelung (Rule of Thirds)

Auf ein Bild übertragen, sähe das in etwa so aus:

Goldener Schnitt (Rule of Thirds), übertragen auf ein echtes Bild

Goldener Schnitt (Rule of Thirds), übertragen auf ein echtes Bild

Idealerweise liegen nun bildbestimmende Teile an den Schnittpunkten der Linien. So ergibt sich automatisch, dass man das Motiv nicht genau in der Bildmitte positioniert. Im Falle von Linien (Wasserkante, Hauswand, Horizont…) positioniert man am besten entlang der gedachten Linien.

Hauptmotive und Nebenmotive (die sollen erst auf den 2. Blick auffallen) verbinden sich so durch Führungslinien, die wir wahrnehmen, auch wenn sie nicht sichtbar sind. So ist neben der Harmonie auch für eine Spannung im Bildaufbau gesorgt.

Das Hauptmotiv

Das Hauptmotiv sollte klar hervorstechen. Man kann es freistellen, indem man es scharf vor einem unscharfen Hintergrund ablichtet; dazu wird aufgeblendet. Sind mehrere Motive scharf, wie es z.B. bei Landschaftsfotos der Fall ist, so sollte sichergestellt sein, das nichts vom Hauptmotiv ablenkt. Dazu kann hineingezoomt werden (ein Objektiv in Telestellung hat immer eine geringere Schärfentiefe als ein Normal- oder Weitwinkelobjektiv) oder einfach mit der Kamera näher herangegangen werden. Aber auch eine Veränderung des Bildausschnitts und des Blickwinkels kann störende Elemente ausblenden. Manchmal reichen dafür einige Schritte zur Seite oder ein Wechsel der Aufnahmeposition wie Hinhocken oder Hochklettern.
Das ist von großer Bedeutung, weil eine Kamera objektiv ist und sich nicht wie unsere emotional verblendete Sicht beeinflussen lässt: Alles, was auf auf den Sensor oder Film trifft, wird aufgenommen, während wir nur Augen für das Wesentliche haben und den Rest beiseite lassen, obwohl er da ist! Für eine klare Bildaussage sollte nicht zu viel aufgenommen werden; ist der Bildausschnitt zu groß, so waren wir nicht nah genug dran oder hatten eine zu kurze Brennweite.
Überschneidungen mit anderen Motiven und zu unruhige Hintergründe lenken nur ab; gleiches gilt für zu viel Struktur. Der Hintergrund sollte schlicht, unaudringlich und neutral sein und das Hauptmotiv nicht erdrücken. Dabei kann auch der Einsatz eines Blitzes helfen: Durch den starken Lichtabfall bleibt der Hintergrund dunkel.

serial cleanliness by kunstgriff

serial cleanliness by kunstgriff

Bei diesem Bild wurde durch eine lange Brennweite, eine große Blende sowie einen geringen Aufnahmeabstand ein extrem geringer scharfer Bereich realisiert.

Führungslinien

Sie sind von elementarer Bedeutung für unsere Sehgewohnheiten. Wir brauchen Strutur & Orientierung. Unser Auge will geführt werden. Optimal ist es, wenn der Betrachter eines Fotos zum interessanten Teil des Bildes geleitet wird, sei es durch echte Linien wie z.B. Wege oder vorgestellte Linien, die sich z.B. aus der Blickrichtung eines abgebildeten Menschen ergeben können. Ein gebannter Blick oder die Diskussion zweier Menschen gibt imaginäre, nicht sichtbare Linien vor, die durch das Bild leiten.
Dies gilt besonders für Landschaftsbilder, die naturgemäß eine große Schärfentiefe und viele mögliche Motive haben.

Graphische Elemente

Das Zusammenspiel von Punkten, Linien, Flächen und deren Hellgkeits- und Farbkontrasten sind Themen, mit denen wir uns für ein gelungenes Bild auseinandersetzen müssen. Gibt es viele kleine Flächen oder wenige große? Ist das Bild symmetrisch oder asymmetrisch aufgebaut? Harmonieren die Farben? Wiederholen sich bestimmte Elemente?

Daher ist immer auf geometrische Figuren, Linien und Führungslinien im Bild achten.
Je einfacher und klarer, fast plakathaft, der Bildaufbau ist, umso zwingender ist er. Alle verwirrenden Elemente und störenden Details sollten ausgeblendet werden.

Ungleichschenklige Dreiecke, die mit einer Seite eine Parallele zum Bildrand bilden, drängen den Inhalt des Fotos in eine bestimmte Richtung, ebenso Ellipsen. Solide wirken dagegen Kreise, gleichschenklige Dreiecke sowie Quadrate und Rechtecke, deren Seiten parallel zum Bildrand verlaufen (die also nicht gekippt sind).

Linien

Linien im Bild rufen meist gewisse Assoziationen hervor:
Horizontale haben eine solide, ruhige und feste Wirkung, während vertikale blickverengend, quasi wie ein Zaun erscheinen. Parallel verlaufende Linien weisen den Blick in die Tiefe, dadurch wirkt die Aufnahme breiter. Fotografisch interessant sind vor allem die Diagonalen: Sie bringen Spannung ins Bild und verbinden Ecken. Von links oben nach rechts unten verlaufend haben sie eine fallende Tendenz, im umgekehrten Verlauf von links unten nach rechts oben eine steigende.
Wellenlinien wirken leicht und gelöst, Zickzacklinien hingegen nervös.

Generell haben Linien im Bild eine trennende, strukturierende Wirkung. Jene, die aus dem Bild herausführen, gliedern es in Flächen.
Führt etwas den Blick des Betrachters zum Hauptmotiv? Lässt sich ein Bezug zwischen zwei Bildelementen durch eine Diagonale herstellen?

*sparkling* by kunstgriff

*sparkling* by kunstgriff

Die meisten Linien verlaufen etwa horizontal, das Bild strahlt Ruhe aus. Um die Reflexionen und die Wellenausbreitung auf der Wasseroberfläche und die Silhouette des Schilfs am Ufer erfassen zu können, habe ich eine sehr kurze Verschlusszeit gewählt. Durch den Einsatz einer langen Brennweite ist trotz einer mittleren Blende das Gras relativ gut freigestellt. Insgesamt ein eher grafisches Bild.

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