Erwartungshaltung: Kulturschock!

Man soll sich alle 7 Jahre häuten, sagt man. Eine Rundumerneuerung.

Stellen Sie sich vor: Stadtmensch — Hamburger, um genau zu sein –, offen bekennender Sankt Paulianer mit Kiez-Affinität, wird von seiner Familie zwangsumgezogen. Ins Gemüse. Ins wendländische Gemüse, um wiederum faktisch genau zu sein. Dritte Milchkanne links, hinter der Kuh in die Eisen steigen, Busch beiseite schieben — Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Aus der Stadt getrieben, wie die Sau, die man durchs Dorf jagt. Gegen die innere Überzeugung, gegen das urbane Herz. Etwas Nagelähnliches vergrub sich im mentalen Türrahmen. Erster Gedanke: „Ihr müsst mich schon unter Drogen setzen. Oder erschießen.“ Gebracht hat es wenig — außer Kratzspuren, die zwischenzeitlich verheilt sind, der Umzug aber ist beschlossene Sache.

Glauben Sie mir, dass war ein Abnabelungsprozess erster Güte. Nichtwahrhabenwollen, Zorn und Wut, Verhandeln, depressive Phase, Resignation, schließlich Zustimmung und gar hoffnungsvolle Erwartung. Das erinnert Sie an etwas? Stimmt, es war auch etwas wie ein Sterbeprozess. Ein Stück meines mühsam während des Sozialisationsprozesses erarbeiteten Ichs ist dabei auf der Strecke geblieben. Gäbe es etwas wie Distra gegen Urbanitäts-Entzugserscheinungen — ich hätte es genommen, um mir das Delirium tremens zu ersparen, welches ich durchleben musste.

Aber der Homo sapiens ist, das impliziert schon der wissenschaftliche Name, ein einsichtiges Ding. Ich habe eingesehen, dass Widerstand gegen eine Ehefrau und die Lendenfrüchte  nichts bringt. Nichts außer Ärger. Drei gegen einen ist unfair, aber über manche Brücken muss man halt gehen. Und wer A sagt, kann auch ebenso gut „lsogutwirmachenes“ hinten dran hängen.

Die Identitätskrise ist definitiv wohl überwunden, ich habe mich abgefunden. Der Kulturschock kann kommen — ich nehme die Herausforderung an. (Zumal das Wendland keine unbekannte Größe ist.)

Damit Sie eine Idee davon bekommen, um was es hier geht, und damit Sie nachvollziehen können, warum es mir letztlich doch nicht ganz so schwerfällt, „lsogutwirmachenes“ zu sagen, dürfen Sie nun mal einen Blick auf die Immobilie werfen. Exklusiv. Weil Sie’s sind.

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6 Gedanken zu „Erwartungshaltung: Kulturschock!

  1. Liebe Nachbarn,

    ihr ward die ersten, die wir in Allermöhe kennengelernt haben, eure Kinder sind die besten Freunde vom Lütten und schließlich wurdet ihr auch noch zu unseren Trauzeugen. Ja, wir trauern darum, dass es euch hier wegzieht. Alle drei.

    Wir respektieren eine Entscheidung, die für uns nicht in Frage käme, schon weil die Hamburger Infrastruktur für uns unverzichtbar ist. Eine Stunde mit dem Auto aus der Stadt raus ist für uns, die 15 Min mit der S-Bahn zum Hbf fahren, undenkbar – zumal bekannt ist, wie wir zum Autofahren und der Abhängigkeit vom Auto stehen.

    Dennoch – die Würfel sind gefallen und wir beide wissen, dass der Kontakt nicht abreißen wird, weil er berufsbedingt nicht abreißen kann. Ich persönlich – und ich denke, ich spreche da für uns alle drei – wünschen euch, dass es die richtige Entscheidung ist, die ihr getroffen habt. Weil uns an euch liegt, mehr als an vielen anderen.

    Ich selbst werde noch sehr lange rübergucken auf die andere Seite vom Fleet und eine ganze Zeit brauchen, bis ich realisiert habe, welch Einschnitt das auch für uns ist.

    Alles Gute in eurer neuen Heimat

    Ralf

    • Ja, ein Einschnitt ist es. Aber keiner, der uns für immer und ewig fern hält. (Oder Euch.) Die Kinder haben schon beschlossen, dass Tom eine Besucher-Dauerkarte haben kann, wenn er will. Und was sie anstellen werden, wenn er da ist.

      Gemäß des weithin unbekannten Lebensqualitätssteigerungsbeschleunigungsgesetzes, §1, Abschnitt 1:

      Mach, wie du es denkst. Sei mutig, wage etwas! Es kann klappen, wenn du daran glaubst. Ergreife die Gelegenheit beim Schopfe!

      bewegen wir uns auf einen neuen, spannenden Abschnitt zu. (Was ja nicht nur für unser Landpomeranzen-Dasein gilt, sondern auch für unsere gemeinsamen Vorhaben). Mir wird die Rufweite auch fehlen, ganz klar, der allgemeine Publikumsverkehr und die Vorkommnisse ante portas hingegen nicht. Es war absolut richtig, der Hamburger Vorstadt den Vorzug zu geben gegenüber der Innenstadtlage mit ihrer gering ausgeprägten Muckeligkeit. (Ansonsten wäret Ihr als wertvolle soziale Bezugsgruppe wohl nicht in unser Leben gerutscht.) Nun folgt ein weiterer Schritt in den Hamburger Speckgürtel hinein. Es wird sich weisen, ob das weise war, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

      Es wird einen Backup des Guten im Töpchen geben, das Schlechte im Kröpfchen aber muss den allfälligen Weg in die endgültige Löschung antreten. (Welch ein Glück, dass Ihr im Töpfchen gelandet seid, nicht wahr?)

      Hamburg als Heimathafen wird mir fehlen, jedoch verspreche ich mir neue Impulse und bewusstere Momente, auch und gerade für die Fotografie, wenn ich in der Hansestadt bin. Und das werde ich, nicht allein wegen des FC Sankt Pauli.

      „Diese eine Liebe / wird nie zu Ende gehen“

      Für Euch käme ein solcher Schritt nicht in Frage, das wissen wir. Aber das macht nichts, denn der Faden hält. (Da habt Ihr ganz andere Distanzen im Programm.) Infrastruktur vs. Lebensqualität — wir haben das lange diskutiert, manchen Kampf ausgefochten, aber — und das ist das Wichtigste — es fühlt sich richtig an.

      Wir werden nicht nur geschäftlich die Leine halten.

      Ich habe dort übrigens kein Haus gegenüber — da müssen Bovine herhalten, denen ich beim Wiederkäuen zusehen kann, um etwas zu kompensieren.

  2. Moin Ihr Lieben,

    tja, was soll ich sagen: Ralf hat schon Recht und Trauer ist das richtige Wort. So traurig wie im Moment war ich schon lange nicht mehr. Wir hatten in der letzten Zeit viel zu wenig davon für einander.

    Menschen zu finden, denen die man aufrichtig mag ist schwer, noch schwerer aber, Menschen zu finden, denen man vertrauen kann.

    Wir können uns glücklich schätzen Euch als Nachbarn gehabt zu haben und wünschen Euch, dass Ihr glücklich werdet am Busen der Natur. 😉

    Für meinen Lütten wünsche ich mir, dass auch der Kontakt zwischen den Kindern nicht abreißt. Denn was ist denn Bob Andrews ohne Justus und Peter?

    Ich wünsche Euch alles Glück der Welt.

    Simone

    • Mögen und Vertrauen — das landet mit Euch selbstredend im Töpfchen. Ich bin mir sicher, dass wir schon einige Zeit früher unsere Fühler ausgestreckt hätten, wenn es Euch nicht geben würde. Eine gewisse Trauer lässt sich auch bei uns nicht verleugnen.

      Das Herz bleibt in Hamburg verwurzelt. Und ob du es glaubst oder nicht: Wir wohnen jetzt zwar gefühlte 9,74 Meter Luftlinie auseinander, aber unsere Verabredungen werden bewusster werden. Ihr seid immer und stets herzlich willkommen am Naturbusen — der auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Und für die Kinder ist es ein Traum dort. Auch für Tom, der im Töpfchen der Jungs einen felsenfest verankerten Platz inne hat.

  3. Ich kann Ihre Vorbehalte verstehen. Obwohl ich ja selbst nicht aus einer Großstadt, sondern aus dem beschaulichen, dennoch zur Landeshauptstadt gereiften Wiesbaden komme, aber eine Herzensliebe zu Hamburg entwickelt habe und mittlerweile selbst im ländlichen Randgebiet (Wiesbadens) wohne.
    Erst einmal sehen die Bilder Ihres neuen Domizils wundervoll aus, die Lage ist wie Urlaub und was sind schon 90 km bis Hamburg? Ich habe mittlerweile das ländliche Wohnen schätzen gelernt, die hochgeklappten Bürgersteige nach 20.00 Uhr, die tirilierenden Vögelein am Morgen, die gute Landluft (auch manchmal etwas strenger) und den wesentlich persönlicheren Kontakt zu den Nachbarn. Es ist anders „auffem Ort“, aber nicht schlechter. Und so lange die Großstadt erreichbar ist, sogar schön, wenn man sich dorthin wieder zurückziehen kann. Sie werden sehen!
    Und Sie hätten sogar Platz für Pferde, falls die Kinder mal…

    Alles Gute im neuen Heim!

    • Jetzt haben Sie mein Geheimversteck doch gefunden, Werteste! Aber das war klar, dass Ihnen das auch gelingen würde…

      Ich habe meinen Entzug inzwischen erfolgreich hinter mich gebracht. Das Ländliche treibt mir kein Adrenalin mehr ins Blut. (Zumal ja viele dorthin umsiedeln, um eben diesem stetigen Hormongedöns aus dem Weg zu gehen.) Irgendwann gilt es, Entscheidungen zu treffen. (Ein Mann muss tun, was ein … ach, lassen wir das.) Die Abnabelung von einer Stadt wie Hamburg ist schmerzlich, aber das muss ich Ihnen als Trägerin des goldenen sankt-paulianischen Herzens nicht vermitteln.

      Wovor hatte ich Angst? Da ich oft in die Hansestadt muss, schließlich macht mir die Universität nicht die Freude, mit umzuziehen, sah ich mich vor dem geist’gen Aug‘ winters in solch einer misslichen Lage (die Sie ja nur zu gut kennen). Allerdings ist mein Haupt-Arbeitsumfeld im Schleswig-holsteinischen, und ich habe die Überlandfahrten im letzten Ultra-Winter auch fehlerfrei über die Bühne gebracht. Dohnt pännick, dachte ich mir also, es wird schon werden, andere machen das ja auch.

      Das Haus ist wirklich ein Träumchen, das dafür zu berappende monatliche Salär verschweige ich lieber, weil es unglaublich klingt. Ist halt auf dem Land. Und wegen der Pferde: Direkt hinter dem Haus weidet ein Rudel — Verzeihung: eine Herde Pferde. Und auch wenn ich kernige Jungs habe, die Fußball lieben und Sankt Pauli (von wem die das nur haben?), sind die beiden dem Reiten nicht abgeneigt. Bei Fragen diesbezüglich wären Sie Ansprechpartnerin Nr. 1. (Sie sehen, ich lese „Verstecken & Suchen“, sollte aber auch mal was da lassen. *KNOTEN IN DEN FRONTALLAPPEN*)

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