Der Satellit und das Fachwerkhaus

Kennen Sie auch diese unvergesslichen Tage? An die Sie sich vermutlich noch in vielen Jahren erinnern werden?

Gestern war so einer, weil einiges zusammenkam.

Das Wetter, bislang … schietig … eines sogenannten Wonnemonats mehr als unwürdig, legte eine Schlechtwetterpause ein. Mit Temperaturen, die eine Idee von Sommer vermitteln konnten. Und Sonne und Grilltauglichkeit.

Wir mussten ins Landpomeranzenland, was engesichts der äußeren Bedingungen irgendwie leicht von der Hand ging. Der Vertrag für das Wohnträumchen wollte unterzeichnet werden. Die wonnig-entzückenden Vermieter und wir setzten also unsere Signaturen unter die 10-seitige Vereinbarung und begossen das Ganze ordentlich, nach alter Mütter Sitte, mit Rotkäppchen halbtrocken. Natürlich in der geräumigen Küche des neuen Domizils. Nun ist es irreversibel: Plötzlich Landpomeranze ist amtlich. Aber wir haben es ja so und nicht anders gewollt.
Drei bis fünf Pappbecherchen voll Sekt und geraume Zeiteinheiten später machten wir uns wieder vom Acker, nicht ohne zuvor einen angenehmen Klönschnack gehalten und einen wunderbaren Nachmittag verbracht zu haben.

Abends dann diese mediale Erscheinung aus Hannover. Lena Müller-Waldschrat … Verzeihung: Meyer-Landrut. Ihr „Satellite“ hat schon was, geht gut ins Ohr, die Stimme passt. Lena also, deren Performance eher an einen Tritt auf die Füße erinnert, mit komplexen Arm- und Beinchoreographien, die … naja … einzigartig sind. (Oder wissen Sie, warum die Hand immer über den Bauch fährt?) Lena hat etwas geschafft, was es in dieser Art noch nicht gab: Sie hat mindestens ein Land um den kleinen Finger gewickelt. (Und, wie wir seit gestern Nacht wissen, auch die wesentlichen Teile Europas.)

Da waren sich im Vorfeld, glaube ich, alle einig: Lena soll ganz weit vorne landen beim „Eurovision Song Contest“, wie er ja heute heißt. Haben Sie die Show gesehen? Ich habe ja wirklich gehofft, dass mich niemand dabei beobachtet. (*ERRÖT*) Glauben Sie’s mir: Ich bin sonst wirklich nicht affin, wenn es um solche Casting- und Selbstdarsteller-Veranstaltungen geht. „DSDS“ und „GNT“ sind cerebrale Erkrankungen, wer ins Dschungelcamp geht, der hat es nicht besser verdient uns sollte dort für immer bleiben (wehe, einer holt diese Pseudo-Stars da wieder raus!), und der große Bruder hat den Tiefpunkt medialer Unterhaltung neu definiert.
Der „Grand Prix D’Eurovision de Chanson“ interessiert mich sonst einen Sch**ß, ehrlich wahr. Der letzte deutsche Siegertitel von 1829 1982, „Ein bisschen Frieden“ von Nicole, ging mir damals schon auf die Nerven. (Was habe ich damals gehört? The Police, Dead Kennedys und Beatles, wenn mich mein altes Gehirn nicht täuscht.). Wenn ich heute die Wahl habe, bevorzuge ich die Smashing Pumpkins, Portishead, die Violent Femmes, Pearl Jam, so was in dieser Art. Oder echte Klassik: Bach, gregorianische Gesänge, Mendelssohn. Mit Schlager und Pop können Sie mich eigentlich jagen.

Aber der niedersächsische Komet mit dem Satelliten spielt aus mir unerfindlichen Gründen tatsächlich in einer anderen Liga. Nicht, weil sie Deutschland vertritt. Oder weil sie unter Raab’schen Fittichen rumdödelt. Oder weil sie wirklich attraktiv ist.
Nein, sie ist authentisch, chaotisch, unverbogen, dabei irgendwie liebenswert, nimmt sich selbst nicht allzu Ernst und hat eine gute Bühnenpräsenz. Andere lenken mit Bombast vom Wesentlichen, dem Lied und dem Gesang, ab, um Insuffizienzen zu überdecken. Grausame Lieder waren gestern dabei, unterirdisch. Die Griechen beispielsweise, der spanische Beitrag, die Briten auch. Gruselgusten mit denkbar schlechten Darbietungen. Oder die Dänen — gracious, mainstreamiger geht’s kaum. Retorten-Quatsch. Nein, Lena war einfach der beste Act. Und hat dementsprechend höchstverdient und mehr als deutlich gewonnen. Landpomeranzen-Glückwünsche!

Positiv stach der belgische Beitrag hervor, der sich schlussendlich auf Platz 6 wiederfand. „Me and my Guitar“ — so war dann auch der Auftritt. Angenehme Folkstimme, angenehm anders, in jeder Hinsicht positiv minimalistisch und mit viel Potential. 12 Landpomeranzen-Punkte für Tim Dice.
Aufgefallen ist weiterhin Aljoscha aus der Ukraine. „Sweet People“ hat mir ausnehmend gut gefallen, auch dieser Auftritt war weit jenseits der sonstigen Pyrotechnik- und Rumzappelnummern ganz vorzüglich. Unglaubliche Oktavenspanne — vier oder so? Aljoscha, die 10. der Endrunde, muss sich mit dem Gitarrenmann um die 12 Landpomeranzenpunkte streiten — aus der Hutschnur hat sie die IMHO ebenfalls verdient.

Nun ist der Grand Prix-Anteil doch umfangreicher ausgefallen. Umfangreicher als geplant, umfangreicher als dessen Stellenwert in meiner mentalen Wichtigkeitsskala eigentlich zulässt. Man sehe es mir nach. Auch plötzliche Landpomeranzen haben schwache Seiten zuweilen.

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