Middefeitz und Redemoißel

Wer zum ersten Mal ins Wendländische fährt, der wundert sich schon. Über das viele Grün, die unergründliche Ruhe, die Marundeske Natur, die lustigen behelmten Männlein und Weiblein mit  Wappen aus aller Herren Bundesländer, die dann und wann die Ruhe und Beschaulichkeit zu unterminieren versuchen, während Traktoren Polizeieinsatzfahrzeuge quer über den Acker locken und ein unfreundlich-überdimensioniertes Industrieprodukt, das nie und nimmer den iF Award gewinnen könnte, strahlend und im Schneckengang durchs Gemüse tuckelt — und nicht zuletzt über die ungewöhnlichen Ortsnamen. Einige davon lassen sich im Suff besser, andere garnicht aussprechen, und die Betonung ist bei vielen für Außenstehende völlig unklar.

Dickfeitzen, Großwitzeetze, Platenlaase, Rehbeck, Waddeweitz, Middefeitz, Redemoißel, Meudelfitz, Salderatzen, Wietzetze, Tolstefanz, Reddebeitz, Kröte, Seybruch, Kamerun, Künsche und Küsten…

… und wie sie nicht alle heißen. Man (also ich) könnte da jetzt so weitermachen. Warum nur tragen Orte im Wendland solche Namen? Auf wessen Mist ist das gewachsen? Das Wendland war ursprünglich slawisch besiedelt, und Slawen wurden im norddeutschen Hoheitsbereich Wenden genannt. Das Wendland ist also das Land der Wenden, und die sind Schuld. Klar soweit?

Sollten Sie einem ähnlichen Musikgeschmack unterliegen wie die plötzlichen Landpomeranzen, so wird Ihnen die quasi-musikalische Darbietung des nächsten Filmchens die Tränen unter die Fußnägel treiben, für Freunde des volkstümelnden Liedgutes und des Schwiegermutter-(Alb-)Traumes Florian Bronzenickel aber ist es mehr als erträglich, und in jedem Falle bekommen Sie mal einen guten Überblick über die wendländischen Siedlungen.

Auch lassen die in den Gehörgängen befremdlich klingenden Namen in gewissem Umfang eine literarische Verwertung zu. Beim nachfolgenden Filmbeitrag bitten wir höflichst die Bildqualität zu entschuldigen; sie ist der Übermittlung via WWSSW (World Wide Smoke Signal Web) geschuldet, denke ich mal. Selbst der Norddeutsche Rundfunk muss sparen, und die telekommunikative Infrastruktur im Wendland ist bekanntlich nicht die beste der Republik.

Mir fällt dazu spontan (nach etwa 27 Minuten des angestrengten Grübelns, aber Spontanes will ja wohl überlegt sein!) ein Haiku ein. Haiku kennen Sie nicht? Nicht weiter schlimm. Haikus kommen aus Fernost, genauer aus Japan, und zeichnen sich durch 3 Verse mit fünf, sieben und fünf Silben aus. Die Überschrift geht extra.

Grünes Idyll
Wendland, du Sack du.
Salderatzen, Middefeitz.
Castor, Vieh, Kultur.

Einen tieferen Sinn dürfen Sie selbst suchen, und wenn Sie einen gefunden haben, so lassen Sie es mich doch bitte wissen, ja?

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3 Gedanken zu „Middefeitz und Redemoißel

  1. Mein Favorit ist eindeutig Tolstefanz. Erinnert so an Firlefanz. Und andere, leider lang vergessene und aus dem Gebracuh gekommene Worte.
    Ihrem Haiku entnehme ich … zumindest mal intensive Beschäftigung mit der Materie Wendland.

    • Firlefanz — ein wundervolles Wort! Sie kennen bestimmt das Buch „Das schönste deutsche Wort„, nicht wahr? Wir sollten ein gemeinsames Blog öffnen, das sich nur und ausschließlich mit den (verschütteten) Kleinoden der deutschen Sprache beschäftigt. Daran hätten mindestens Sie und ich eine nachgerade diebische Freude — der ein oder andere bestimmt auch. Die Kommentatoren bei Ihnen sind ja auch immer so feinsinnig.

      • Potzblitz! 🙂
        Sie haben Recht. Und es gibt so viele davon. Erwähnte ich schon, dass ich kein Liebhaber der neuen Rechtschreibung bin?
        Das Buch kannte ich -bisher- nicht. Danke, dass Sie das ändern.

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