Das Landleben als Ideal

Sie kennen das bestimmt: In Frankreich rennen alle mit einer Baskenmütze (der béret basque) herum, tragen ein Baguette und Rotwein und Käse unterm Arm und fahren Citroën [sitʀoˈɛn] oder Peugeot. Nee, is klar. Und die Italiener sind alle klein, stets notgeil, haben Pomade im Haar und essen ausschließlich Spaghetti mit Tomaten und frischen Kräutern. Und Engländer der Handelsklasse I tragen alle Tweedjacken, meist in Grün, dazu Cordhosen und Gummistiefel, rauchen Pfeife und trinken nach dem Lamm in Minzsauce mit Yorkshire pudding ihr Bier im Pub. Vorurteile sind alles im Leben, zumindest aber das Salz in der Dings … Suppe.

Da darf doch das Landleben nicht nachstehen.

Und so finden sich an einigen Stellen wunderbare Passagen, an denen einiges wahr ist — und doch auch wieder nicht.

„[…] so dass das Wort „Country“ immer eindringlicher die Runde machte. Der City entfliehen hieß die Devise, wobei man sich gern von Fernsehspots für Cornflakes aufputschen ließ, in denen das Landleben in den wärmsten Weizenfarbtönen als eine Art nie endendes Picknick mit mindestens acht Sonnenauf- und -untergängen am Tag dargestellt wurde. […] Ich sah mich schon im Geiste in aller Herrgottsfrühe durch fruchtbare Wiesen streifen und im Akkord die Bestände irgendwelcher undefinierbaren Fische am Flußufer dezimieren, die ich mit einer Riesenschüssel von Gustav [dem Dosenöffner des Katers Francis – Anm. des Artikelautors] eigenhändig gemolkener Milch verschlang. Und nichts als frische Luft, frische Eier von nistenden Vögeln (sicherlich direkt auf den Schornsteinen unseres Gehöftes) […]“

(aus: Francis – Felidae II von Akif Pirinçci; Goldmann 1993)

Genau! So geht es uns Landpomeranzen jeden Tag! Von früh bis spät. Allerdings liege ich direkt unter dem Euter im satten grünen Gras, umgeben von grillenden Zirpen … äh, zirpenden Grillen. Und in der Tagespresse vor Ort, der Elbe-Jeetzel-Zeitung, steht nie etwas von Flutopfern in Pakistan oder zivilen Verlusten in Afghanistan oder Debatten um Hartz-IV-Sozialleistungen in Berlin, sondern nur und ausschließlich Meldungen vom Kaninchenzüchterverein, der bäuerlichen Kooperative und der Elbtal-Aue.

Gorleben? Atommüllzwischenlager? Castor-Transporte? Polizisten mit schlagfertigen Argumenten? Ach, glauben Sie doch nicht alles, was Ihnen in Funk und Fernsehen untergepult wird. (Apropos Castoren: Im November wird der nächste erwartet, und auf die Auseinandersetzungen mit der Exekutive sehe ich schon jetzt aufgeregt entgegen — vor allem dann, wenn die Nordroute gewählt wird, die direkt an unserem Anwesen vorbei führt. Aber das steht auf einem anderen Blatt…)

Oder schlagen Sie nach bei Wolf-Rüdiger. Wolf-Rüdiger ist ein begnadeter Zeichner, womöglich und wahrscheinlich ist er Ihnen als Marunde geläufiger, und er lebt — wie wir plötzlichen Landpomeranzen auch — mit Migrationshintergrund im Wendland.

[…] möchten Sie sich zum Abschluss vielleicht noch ein Bild vom Leben des ländlichen Cartoonisten machen, als Dessert gewissermaßen oder Käse. Unter Umständen haben Sie schon eine Vision: Sie sehen den Künstler des Morgens mit Frau und Kind beim Frühstück vor dem reetgedeckten Fachwerkhaus sitzen, um den Tisch picken liebvertraute Hühner die Vollkornbrötchenkrümel auf, und vo ferne weht der Glockenklang des Dorfkirchturms über die mächtigen Strohdächer der ehrwürdigen Bauernhäuser hinweg zum Ohr des Meisters. „Auf, zur Arbeit!“ ruft er da, küsst Frau und Kind, wirft sich in seinen Loden, tut die Baskenmütze auf und klemmt sich den Skizzenblock unter den Arm. […]
Jedenfalls geht er auf Inspiration: Schweine belauschen, eine alte Haustür skizzieren oder einen 59er Porsche Diesel Export mit Frontlader beobachten, den der Künstler dann nach dem Mittagessen mit Aquarellfarbe aufs Papier treiben wird. Die Bauern grüßen den wunderlichen Gesellen, wie er dort über ihre Zäune steigt oder aus der Hocke prüfend ein fröhlich am rauschenden Bach klapperndes Mühlrad beäugt. […] Womöglich wird ein kleiner Plausch im Dorfkrug oder eine feuchtfröhliche Gemeinderatssitzung den gelungenen Arbeitstag beschließen. Die untergehende Abendsonne taucht den Meister in rotgoldenes Licht, und kein Hahn kräht mehr danach.“

(Wolf-Rüdiger Marunde: Nachwort für den ländlich interessierten Leser. In: Marundes Landleben 1. Knaur 1991.)

Nur gut, dass Wo-Rü den Mythos selbst seziert und in seine Einzelteile auffleddert. So wohnt er in einem zugigen und fußkalten Fachwerkhaus mit Reetdach zur Miete, zahlt horrende Summen für die Versicherung, weil Reetdächer zwar idyllisch sind, aber so furchtbar schnell abfackeln. Das kleine Dorf steht in der Regel halb leer, weil es so viele Zweitwohnsitze von urbanen Menschen gibt, die eben nicht immer da sind, Hühner leben in der Legebatterie, und Höfe mit Landwirtschaft liegen vereinzelt zwischen handelsüblichen Einfamilienhäusern von der Stange, was er „vorstädtischen Siedlungsbrei“ nennt. Und wenn das, was von den untergegangenen Landwirtschaftsbetrieben in Form von Resthöfen übrig geblieben und an Städter verkauft sowie mit ländlichen „Devotionalien“ (ach, was liebe ich dieses Wort!) vollgestopft zum ländlichen Idyll mutiert ist, dann, ja dann, gibt es so etwas wie das Ideal aus Landkaffee-Kinderriegel-Werbungen. (Wobei ich gestehen muss, dass unsere Hütte auch mit alten Zinkeimern, Holzleitern, Schweinehaken, Steinguttöpfen, Pflügen und allerlei bäuerlichem Firlefanz geschmückt ist. Aber ohne wäre ja auch irgendwie nichts, oder?)

Letztlich schlägt sich ein Landkreis wie Lüchow-Dannenberg, flächenmäßig groß, aber mit knapp über 50.000 Einwohnern der einwohnerschwächste Deutschlands, mit den Problemen herum, die auch andere Regionen umtreiben: Kaum Arbeit, Abwanderung der jüngeren Generation, kaum Perspektiven, wenn man vom Tourismus mal absieht, zunehmender Individualverkehr mit all seinen Beeinträchtigungen.

Es ist, wie es ist: Die Uhren gehen anders hier, des Kirchturms Glockenklang mischt sich zuweilen mit Hundegebell, dem Wiehern von Pferden und Treckermotoren, die nicht unaufdringlich, aber irgendwie wie Boten aus vergangenen Tagen beruhigend vor sich hin tuckern. Dorffeste enden meist als Saufgelage, auch wenn die Dorfjugend auf ihren Ackerfesten wie alle anderen ebenfalls die MTV-Charts mit iPods in die Gehörgänge injiziert bekommt. Es ist vielleicht etwas rustikaler, und insgesamt brennen auch weniger Autos als in Hamburg, aber alternative Lebensformen gibt es hier wie dort. Immerhin aber kennen die Kinder hier Weizenfelder, Wälder, und auch die Gefahr, Kühe mit Pferden zu verwechseln (so geschehen auf einer Hamburger Klassenreise, als Kinder staunend feststellten, dass die Pferde auf der Weide mehrere Penisse haben — warum sie nicht über die Hörner der vermeintlichen Pferde gestolpert sind, entzieht sich meiner Kenntnis) oder Lila als natürliche Kuhfärbung anzusehen, ist wesentlich geringer hier.

Ich jedenfalls würde den Wechsel von der kafkaesken Urbanität ins ländliche Gemüse wieder machen, aber Sie können mich im Zweifelsfall nach dem nächsten Winter noch mal fragen…

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