Belagerungszustand im Wendland oder: Herr, lass Hirn regnen

Staatsschergen im Seybruch

Nun isses ja so: So ein strahlender Röhrling ist ja nicht irgendwas zum Naschen, keine „german Kleinigkeit“ oder die längste Praline der Welt. Mitnichten! Daran haben noch Generationen nach uns zu knabbern. Bei einer Halbwertzeit von 24.110 Jahren (Plutonium 239) erlebe ich das Ende der ersten möglicherweise nicht mehr. Klar, dass der Transport der Castoren gut abgesichert sein muss. Wenn Sie — wie wir Landpomeranzen — im unmittelbaren Umfeld der möglichen Routen leben, dann haben Sie halt irgendwann Hausarrest. Kalkulierbar sind so ein Transport und seine Begleitumstände nie, alleine die Verladung eines Castor-Behälters vom Zug auf den Schwerlasttransport dauert etwa zwei Stunden, und 11 wurden uns diesmal zugesandt.

Unsere Kinder waren zum Zeitpunkt der Vollsperrung, die ähnlich unvermittelt kommt wie der Transport selbst, in Siemen, einem kleineren Ort unterhalb der Südstrecke. Wir hingegen leben an der Nordstrecke. Alleine der Weg zu unserem Grundstück wird zum Spießrutenlauf, wenn man alle hundert Meter die Identifikationspapiere vorzeigen und sich erklären muss, warum man nun da genau hin muss oder möchte. Hat man einen der Posten passiert, kann es vorkommen, dass der nächste die Passage verwehrt. Weder bedarf es dafür einer Begründung noch einer sonstigen Legitimation. Gutsherrenart halt.

Dieser Castortransport des Jahrgangs 2010 gilt als relativ friedlich, Kollateralschäden sind eher gering, aber der psychische Druck auf die Anwohner ist groß. Auch so kann der einzelne, unter Umständen verschiedene Machtphantasien auslebende Beamte aus Sachsen, Bayern oder Stuttgart mal so richtig einen auf dicke Hose machen. Uniformen lassen Menschen zuweilen mutieren, und das Gehirn muss ohnehin bei vielen im Spind bleiben. Denkverbote? Oder mangelnde kognitive Fähigkeiten als Eintrittsqualifikation? Man weiß das oft nicht so genau.

Fakt ist: Die Sachsen vorm Haus telefonieren mit der höchsten Einsatzleitung, die ihr OK gibt, die gesperrte Strecke zu befahren. Unser Wunsch, die Kinder im knapp 10 Kilometer entfernten Siemen abzuholen, wurde erhört. Unerhört ist jedoch, dass unsere Vorschläge für den kürzesten und effektivsten Weg in den Wind geschrieben wurden und wir stattdessen mitten ins Zentrum des Widerstandes nach Quickborn geschickt wurden. Obschon massive Präsenz der Einsatzkräfte entlang der B191 sichtbar war, hielt uns niemand eine Kelle vor die Nase. (Wenn das die einzelnen Einsatzleiter wüssten… ein krasser Bruch der Befehle, wie wir später erfahren durften.)

Unser Privatfahrzeug mit deutlich sichtbarem „Wir stellen uns quer!“-Aufkleber und einem großen X am Spiegel konnte ungehindert nach Quickborn abbiegen. Aber dann…

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen! Auch Odysseus konnte nach seiner Reise voller Widrigkeiten und Gefahren einiges berichten, nicht von ungefähr hat sich der Begriff „Odyssee“ etabliert. Aber ich schweife ab, die griechische Mythologie ist Ihnen sicherlich bekannt. Zurück zu unserer Odyssee, die nun volle Fahrt voraus aufnehmen sollte.
Vor Quickborn hüpfte uns ein aufgeregter Bundespolizist aus Berlin vor den Kühler. Wo wir denn herkämen, was uns denn so einfiele, die gesperrte Strecke zu befahren, warum uns keiner aufgehalten und wer uns die Erlaubnis gegeben hätte. Ach, was soll ich sagen? Die Beamten vor Ort sind manchmal an ihren Nummernschildern zu erkennen, bei einigen ist das Abzeichen des Bundeslandes oder der Bundespolizei sichtbar, aber Namen hat keiner. Patzige Fragen mussten wir über uns ergehen lassen: Welche Kollegen? Bundespolizei oder was? (Woher zum Geier sollten wir das denn wissen?) Standort? Ja, den Standort hätte ich sogar mit GPS-Koordinaten angeben können. Was aber nichts genutzt hat, denn der Berliner konnte (mangelnde Zerebralstrukturen) oder wollte (Müdigkeit, Faulheit, Willkür) dem nicht nachgehen. Wir sollten also stante pede umdrehen und wieder nach Hause fahren. Für den ruppigen Ton des Polizisten bat die Kollegin auf der anderen Seite des Fahrzeugs zwar um Entschuldigung, aber der erste Tiefschlag saß. Wir bestanden darauf, den Namen des Aushängeschildes der deutschen Polizei zu erfahren, aber nein, den müsse er uns nicht geben. Und sollten wir erneut gefragt werden, wer uns den Befehl zur Kehrtwende gegeben hat? Er müsse doch einsehen, dass wir jetzt schon, wie wir da ohne Informationen über den vorherigen Kontrollpunkt bei ihm aufgetaucht sind, ganz schön in der Bredouille säßen. Irgendeine Art der Information müsste er uns schon mitgeben. „Funk Arcona“, kam es nach kurzer Bedenkzeit aus seinem Munde gequollen, „sagen Sie einfach Funk Arcona.“ (Ein selten dämlicher Name, wenn Sie mich fragen, wer nennt denn sein Kind schon Funk?)

Vom Ort der Polizeisperre vor Quickborn zur nächsten an der B191 sind es vielleicht 500 Meter. Natürlich wurden wir dort ebenfalls aufgehalten. Aber Moment, warum eigentlich natürlich? Auf dem Hinweg hat sich auch keine Sau für uns interessiert. An dieser Sperre ließ man uns erneut warten, wir mussten die ganze Story erzählen, auch davon, dass der Streckenposten vor Quickborn uns zum Wenden und zur Heimfahrt aufgefordert hat. Ob wir da eine Information hätten? „Funk Arcona“, teilte ich mit. 500 Meter Luftlinie, wohlgemerkt, zwischen beiden Posten. „Funk Arcona? Wissen Sie eigentlich, wie viele Funkeinheiten es hier derzeit gibt? Mit Funk Arcona kann ich nichts anfangen.“ Ich auch nicht, davon mal ganz abgesehen, aber 500 Meter weiter stehen Sicherheitskräfte, die scheinbar völlig unbekannt sind. Ich will es mal so ausdrücken: Organisation und Koordination sind sicherlich nicht jedermanns Stärke, aber ein gerüttelt‘ Maß sollte schon drin sein. Auch eine gewisse Zusammenarbeit der verschiedenen Polizeieinheiten kann vorausgesetzt werden, denke ich.

Anyway: Ein Wort ergab das andere, irgendwann bin ich geplatzt, weil ich im Angesicht von Dummheit und Ignoranz nun mal nicht anders kann. Kurzum: Man ließ uns weder mit dem Fahrzeug noch zu Fuß passieren, wir sollten nach rechts Richtung Damnatz fahren und uns irgendwie irgendwo einen Weg suchen, den einer der ortsunkundigen Polizeiobermeister auf der Karte entdeckt hat (und den wir für den Fall der Fälle ohnehin im Kopf hatten).

Der Gipfel der Zerebralinsuffizienz sollte aber noch kommen. Ein vorgeblich kompetent und führungsstark herumscharwenzelnder Beamter hatte noch einen wirklich mächtig dämlichen Spruch auf Lager: „Irgendwas stimmt nicht an Ihrer Geschichte. Ich stehe seit halb acht hier“ — inzwischen war es kurz vor zehn Uhr abends –, „und Sie sind mit Sicherheit nicht über die Bundesstraße aus Richtung Dannenberg gekommen!“ Meine an und für sich gutmütige Geisteshaltung und die gute Erziehung verbieten es mir, an dieser Stelle wider zu geben, was ich antwortete. Vielleicht habe ich es auch vor Schreck vergessen. Es hatte irgendwas mit „keine Demenz“, „verscheißern“ und „Wie blöd kann ein einzelner Mensch sein?“ zu tun. Letztendlich hat, das sei ausdrücklich festgehalten an dieser Stelle, die Einheit der Bundespolizei, deren zweifelhafte Gesellschaft zu genießen wir gezwungen waren, ihren Job nicht gemacht. Wir hätten beim Abbiegen auf dem Hinweg schon kontrolliert werden MÜSSEN! Wenn die dazu nicht in der Lage sind, sollen sie ihren Frust darüber gefälligst nicht an uns auslassen.

Mit dem Hinweis, wir würden garantiert auf dem vorgeschlagenen Weg nicht erneut kontrolliert, verließen wir den Club — und wurden beim Abbiegen Richtung Damnatz prompt erneut kontrolliert. Und im weiteren Verlauf der Straße noch einmal. Daraufhin zogen wir es vor, unsere Fahrt auf idyllischen Feld- und Nebenwegen fortzusetzen, die man als Ortskundiger natürlich kennt, und passierten dabei einige Kontrollpunkte des Widerstandes. (Glückwunsch nochmal für die gelungenen Aktionen!)

Und die Moral von der Geschicht‘? Wenn Sicherheitskräfte aus ganz Deutschland die Republik Freies Wendland okkupieren und für die Durchsetzung einer verkorksten Politik freien Menschen mehr als auf die Nerven gehen und die Bürgerrechte massiv beschneiden, dann sollte wenigstens eine einheitliche Vorgehensweise an den Tag gelegt werden. Wir bedanken uns an dieser Stelle trotzdem bei all jenen Polizisten, die Verständnis für unsere Situation gezeigt und unkonventionell reagiert haben. Besonders hervorheben möchte ich einen Streckenposten in Nebenstedt, der uns hinter dem Polizeikonvoi durchgewunken hat, nicht ohne uns den guten Tipp mit auf den Weg gegeben zu haben, in Splietau den Feldweg zum Seybruch zu nutzen, um möglichst nah an unser Haus herankommen zu können. Auch der Einheit direkt am Seybruch sei gedankt: Wir durften unser Auto im Schatten des Wasserwerfers abstellen und zu Fuß über die Pferdekoppel zum Haus laufen.

Ach, und ein letzter Einwurf noch: Eine Polizistin an einem der Kontrollpunkte machte den Vorschlag, man möge uns doch einfach mit einem Fahrzeug begleiten, schließlich ginge es um Kinder, die nach Hause geholt werden sollten, aber dieser Einwurf, so unglaublich einfach, logisch und nachvollziehbar, wurde von den Alphatieren drumherum nicht einmal in Erwägung gezogen. Und das, obwohl der Straßentransport des Castors zeitlich noch in weiter Ferne lag.

Wenn man so mit Anwohnern umgeht, darf man sich nicht wundern, wenn die Stimmung irgendwann … reservierter wird. Um es mal gelinde auszudrücken.

[Nachtrag] Ich habe eine Allergie entwickelt. Histaminausschüttung vom Feinsten bei den Worten: „Aber ich kenne mich hier überhaupt nicht aus.“

[Nachtrag 2] Einem älteren Bewohner aus Breese Marsch mit Fieber wurde zunächst der Gang zum Arzt verweigert. Erst nach einem Interview mit dem NDR durfte er zum Arzt fahren, musste allerdings einen Hinterausgang benutzen.

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Ein Gedanke zu „Belagerungszustand im Wendland oder: Herr, lass Hirn regnen

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