Atomenergie: Warum sie unethisch ist

In Japan gibt es nach dem schrecklichen 8,9-Beben und den nachfolgenden Tsunamis erhebliche Probleme mit einem Reaktor mehreren Reaktoren, muss man jetzt wohl sagen. Gestern las ich in einem Tweet: „Wir werfen doch auch nicht alle Autos weg, nur weil es Autounfälle gibt.“ Entweder ist mir die feine Ironie dahinter verborgen geblieben, oder die Denke greift zu kurz. Wenn wir alles verbieten wollten, was risikobehaftet ist, dann müssten wir konsequent das Leben als solches untersagen.

Wie dem auch sei: Bei den meisten Risiko-Aktivitäten, sei es nun Extremsport, Autofahren oder das Überqueren einer Straße, handelt es sich in der Regel um bedauerliche Einzelschicksale. Selbst Busunglücke und Flugzeugabstürze, bei denen meist mehrere Menschen betroffen sind, müssen unter „Einzelschicksal“ eingestuft werden, so furchtbar und schrecklich sie als individueller Schicksalsschlag auch sind.

Um es noch etwas drastischer zu formulieren: Springfluten, Tsunamis, Erdbeben, Monsterwellen, Vulkanausbrüche, kurz: Naturkatastrophen, hat es immer gegeben, und wir, die selbsternannte Alphaspezies, können daran nichts ändern. Nicht einmal mit Frühwarnsystemen, Forschung und Monitoring. (Dass wir solche Phänomene durch unsere Gedankenlosigkeit befördern und in unserer schier grenzenlosen Profitgier sehenden Auges in Kauf nehmen, steht auf einem anderen Blatt.)

Die Risiken der Atomenergie aber spielen in einer anderen, einer weit widerlicheren Liga. Im Prinzip in jener, in der sich auch die nicht-friedliche Nutzung der Atomkraft tummelt.

Sind wir doch mal ehrlich: Wir rufen Geister, die wir zu verstehen und zu behrrschen glauben, bis sie uns eines Besseren belehren. Schon der Normalbetrieb einer atomaren Anlage erfordert ein Maximum an Sicherheit. Damit meine ich nicht nur die Humanressourcen, die den reibungslosen Lauf der Dinge kontrollieren sollen (und Fehler machen können, weil Fehler menschlich sind), die Sicherungssysteme innerhalb eines Kernkraftwerkes, die Security, die baulichen Vorkehrungen gegen möglichst alles, was da kommen kann, sondern auch die massive „Betreuung“ bei der Entsorgung, wie man an zuletzt 20.000 Polizisten im Wendland sehen kann. Alleine der Normalbetrieb birgt viele Risiken und Unwägbarkeiten, und wie man die Hinterlassenschaften sicher entsorgen kann, weiß der Gilb.

Im Prinzip ist das alleine schon ein Grund, die Atomenergie abzulehnen. Dafür braucht’s eigentlich keinen GAU. Oder meinethalben Super-GAU. Bei allen Kalkulationen, die im Vorfelde angestellt werden, bleibt immer die Unberechenbarkeit unseres Planeten als unbekannte Determinante. Auch bei der Verklappung der hochradioaktiven Hinterlassenschaften. Mögen die im Zeitraum eines Menschenlebens vielleicht noch einigermaßen sicher irgendwo abgelegt, hineingeschüttet, eingepackt (oder sonst irgendwas) werden können, sind die Folgen für nachfolgende Generationen nicht wirklich klar. Die lange Halbwertzeit sorgt dafür, dass wir noch lange etwas davon haben werden — und mit wir meine ich nicht Sie oder mich oder Norbert Röttgen, sondern die Gattung Homo in toto.

Diese Unwägbarkeiten, diese Unabsehbarkeit von Folgen sind der eigentliche Grund, warum die Nutzung der Kernenergie — und sei sie auch noch so friedlich gedacht — unethisch ist. Die nachfolgenden Generationen werden uns posthum teeren, federn, vierteilen und aus der Stadt jagen für das, was wir ihnen hinterlassen.

Ethik befasst sich mit dem konkreten Handeln, der Fußball-Übungsleiter würde sagen: Auf dem Platz. Sie streift dabei die Moral, die Vernunft, die Verantwortbarkeit und die Reflexion unseres Tuns. Und nun frage ich Sie: Hält die Atomkraft einer solchen Reflexion stand? Können wir das verantworten? Die Antwort möchte ich Ihnen nicht vorkauen. Solche Fragen müssen Sie sich selber stellen.

Eine IMHO sehr gelungene Darstellung der Geschehnisse in Japan finden Sie hier bei der taz. Auch der Unterschied zwischen Siede- und Druckwasserr-Reaktoren wird hier sehr nachvollziehbar (und: vor allem richtig) dargestellt. Wobei die Art des Reaktors nichts an meiner generellen Kritik an der Eneregiegewinnung durch Kernspaltung ändert. Gefährlich und im Un-Falle kaum (oder gar nicht) beherrschbar sind sie alle.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf dieses Fundstück hinweisen: „Hier in Deutschland betrifft uns sowas ja alles nicht. Hier lebt man noch in dörflicher Idylle

[EDIT] Gerade entdeckt in ein Gezwitscher von contrAtom.

[EDIT 2] Was so alles gezwitschert wird:

„Hier AKWs abschalten, weil in Japan ein Tsunami wütete ist wie hier Baumfällen verbieten, weil der Regenwald abgeholzt wird.“

Aus derselben Feder dies und das. Was mir dazu einfällt, steht ja bereits oben. Wir können nicht Birnen mit Hamsterkötteln vergleichen. Und irgendwie auch nicht lokale Ereignisse mit globalen. Im Falle eines Falles kümmert sich so’n radioaktiver Fallout einen Dreck um Ländergrenzen und Kontinente.

[EDIT 3] Hin da! Unterzeichnen! Zack zack! Petition für den Atomausstieg. (Noch 27 Tage — Stand heute, 13.3.]

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Ein Gedanke zu „Atomenergie: Warum sie unethisch ist

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