Nach Japan: Eine Zäsur in der Atompolitik?

In den Jahren 2007 und 2009 standen zeitweise sieben von 17 Reaktoren reparaturbedingt still. Im Sommer, wenn die warmen Flüsse nicht ausreichend kühlen, wird die Leistung zurückgefahren. Und wie lange ist in Krümmel und Brunsbüttel schon Stillstand? Drei Jahre. Auch die Meiler in Biblis (A und B) standen 2007 monatelang still, um dann 2009 erneut für Monate auszufallen. Selbst in den „Stillstandjahren“, also 2007 und 2009, konnte Deutschland Strom exportieren. (Ja, ich weiß, dass exportieren ausführen heißt.) Aber Teyssen, der E.on-Obermeister, will uns jetzt mit Engpässen bei der Stromversorgung bange machen. Donnerlittchen und Potzblitz! Schockschwerenot (ja, ein schönes Wort, Ulf. Wirklich) Glaub keinem Lobbyisten! (Das wäre so, als würde sich der Marmeladenfabrikant hinstellen und sagen, dass seine Marmeladen der letzte Dreck sind. Würde er auch nicht machen, der Marmeladenfabrikant, da wäre er auch schön blöd!) EnBW, der Betreiber des AKW Philippsburg, hat mit Wissen der Landesregierung einige Pannen nicht gemeldet. Das ist nicht nur gegen das Atomgesetz, das ist Drecksfickscheiss. (Entschuldigen Sie bitte die ausdrücklich drastische Ausdrucksweise, die möglicherweise keinen guten Eindruck macht. Aber ist doch so.) Die taz kommentiert dann auch, dass solche Vertuschungen und Verzögerungen Methode haben — die Drecksschweine von der Atomlobby, wie es in der URL noch deutlich herauszulesen ist, wären aber die treffendere Bezeichnung gewesen. Und tatsächlich scheint es mit der Sicherheit der deutschen Atommeiler nicht so weit her zu sein. Und vermutlich weiß das auch die Regierung — wie sonst ließe sich erklären, dass die unter dem Eindruck der Geschehnisse in Japan ein dreimonatiges Moratorium zur Aussetzung des Ausstiegs aus dem Ausstieg beschließt, um die AKW zu prüfen? Mit Wahlkampfgedöns etwa? Das streitet Schwarz-Gelb vehement ab. Den Grünen reicht das Moratorium natürlich keineswegs, auch die Deutsche Energie-Agentur will den Ausstieg aus dem Ausstieg, und dass jener die Regierung kippen könnte, ist — denke ich — allen scheißegal — außer der Regierung. Der Freitag mach sich schon mal Gedanken, wie der Umstieg von atomar auf erneuerbar konkret aussehen könnte, fragt sich zugleich, warum es so schwer fällt, die Fehler der Vergangenheit einzuräumen, und The Intelligence meint, dass man aus dem Desaster in Japan viel lernen könnte — vorausgesetzt, dass man auch will. Aber tatsächlich sieht der Aktionismus der Regierung nicht nach Einsicht aus, sondern nach wahltaktischen Manövern, mit denen sich nebenbei die eigene politische Laufzeit verlängern lässt. Der Spiegel spricht in diesem Zusammenhang gar von einer Atomfalle für die Koalition. (Wer sich eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, fällt mir dazu immer ein.) Ist die aufgeflammte Diskussion um die Atomkraft hierzulande unethisch und pietätlos den Opfern gegenüber? Nein, sie ist folgerichtig. Ähnlich sieht das auch Greenpeace. Und die Süddeutsche meint, dass jetzt mehr als Lipenbekenntnisse nötig sind — der Überprüfung ohne Tabus müssen Taten folgen. Die Welt sieht die Kanzlerin eine Atomwende erklären — über die Brücke gehe ich bei der bisherigen Meinung und dem Einsatz der Regierung für die „Brückentechnologie“ jedoch nicht. Keine Einsicht, eher die Flucht vor dem vom ZDF postulierten politischen Tsunami. Letztlich (und das habe ich auch in einem Artikel bereits angedeutet) ist es nicht die ungelöste Frage der Müllentsorgung alleine, die die Nutzung der Atomkraft so unkalkulierbar und gefährlich macht. Nein, Japan zeigt, wie anfällig schon der Normalbetrieb ist. Und dafür braucht es nicht einmal ein 8,9-Erdbeben mit Tsunami (denn die sind in unseren Breitengraden eher selten) — ein Stromausfall jedweder Art bringt die Kühlung zum Erliegen, und ohne Kühlung heizt sich der Reaktorkern nun mal auf. Trotzdem ist auch die Gefahr eines Bebens in Deutschland nicht von der Hand zu weisen. Immerhin sind jetzt die sieben ältesten AKW vom Netz — ein Teilerfolg. Hoffentlich bleibt das so. Vielleicht wird ja die ostdeutsche Physikerin vom Atom der Erkenntnis geküsst und macht dem atomaren Unfug ein Ende. Bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis kommt und sie nicht noch von der Gegenöffentlichkeit im Netz, der „Achse des Guten“, dem „Raum für unabhängiges Denken“ überrumpelt wird und wieder einknickt. Aber die Deutschen lernen es endlich und ordern Ökostrom wie geschnitten Brot! Bis zu acht mal mehr Nachfragen, heißt es  in der taz. Sie gehen auf die Straße, sie stellen sich quer, sie wachen mahn, was wir hier im Wendland seit Jahren nicht anders kennen. Die Menschen fürchten die Unbeherrschbarkeit der Technik und die drastischen Folgen im Un-Falle. Ein Organsmus steckt Strahlung nun mal nicht klaglos weg und geht wieder zur Tagesordnung über. Deutschland wäre auch nicht gut vorbereitet auf einen atomaren GAU. Der Rückbau eines AKW ist schwierig, ganz klar, aber wen es interessiert, was (hoffentlich) auf uns zukommt, wenn der Ausstieg vollzogen ist, der lese hier. Wenn Sie noch mehr Informationen aufnehmen möchten, empfehle ich den taz-Schwerpunkt Anti-Atom.

[EDIT] Mal etwas zum Nachdenken: Robert Misik fragt, was wir aus unserer Welt gemacht haben. Die langfristigen Folgen der Radiaktivität, die Strahlenkrankheit und die Bereitschaft europäischer Transplantationszentren zur Knochenmarkstransplantation werden im Ärzteblatt behandelt.

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