Landlust oder Landfrust?

In der brandneuen ZEIT kann man im Reiseteil aufs Land abschweifen. Die Welt scheint dort in Ordnung zu sein, auf dem Land jetzt, viele Stadtmenschen zieht es irgendwann ins Gemüse, aber es ist natürlich nicht nur Bullerbü-Romantik, sondern hat ganz eigene Problemzonen. Solche, von denen die urbane Welt vielleicht nichts ahnt. Andererseits gibt es sie doch, die Werberomantik — man muss sich nur darauf einlassen.

Sollten Sie, wie es viele in kafkaesken Häuserschluchten und Trabantenstädten tun, mit dem ländlichen Leben liebäugeln, so dürfen Sie das natürlich gerne tun. Nach kaum mehr zählbaren Jahren in der vermutlich sicherlich schönsten Stadt der Welt — die Rede ist von Hamburg, aber das haben Sie sich bestimmt schon gedacht — wurde ich vor knapp einem Jahr mit sanfter Gewalt in die nordostdniedersächsische Pampa gezerrt, im Prinzip gegen meine Überzeugung, aber mit dem nötigen Nachdruck, um meine Freie und Hansestadt zu verlassen. Und wissen Sie was? Ich würde es wieder tun! Allen Problemzonen zum Trotz.

Allerdings kann ich lediglich für das Wendland sprechen. Hundert Kilometer sind’s nach Hamburg, nach Lüneburg fuffzig, und so mancher pendelt diese Strecken täglich. Unter Optimalbedingungen sind die Distanzen in 60 respektive 30 Minuten zu schaffen. Optimal bedeutet: Keine Unfälle, keine Baustellen, keine LKW, keine Trecker, kein Gegenverkehr auf den relevanten Abschnitten ohne Überholverbot. Den anderen Landpomeranzen, vornehmlich denen aus LWL, SAW, PR und SDL (ja, Sie vermuten zu Recht, dass die ehemals bis zur Wiedervereinigung sowjetisch besetzte Zone gleich um die Ecke ist!), sei an dieser Stelle mal mitgeteilt, dass man unter eben jenen Optimalbedingungen die Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht nur als Tempoempfehlungen ansehen muss. Ansonsten fahre man also nachts oder an Feiertagen — oder rechtzeitig los. Die in der Regel suboptimale Verkehrssituation verlangt uns Pendlern einiges ab — Geduld, Verständnis sowie eine erhöhte Pulsfrequenz und einen unerschütterlichen Glauben ans Leben oder eine höhere Macht bei halsbrecherischen Überholmanövern.

Apropos Mobilität: Die letzte ARD-Themenwoche thematisierte sie aus unterschiedlichsten Sichtwinkeln. Hier bei uns Landpomeranzen besteht diesbezüglich ganz klar großer Handlungsbedarf. Versuchen Sie mal beispielsweise, der gerade angelaufenen Kulturellen Landpartie mit dem ÖPNV zu folgen. Ich mache es kurz: Das wird Ihnen nicht gelingen. Auto, Pferd, Mofa, Traktor, meinethalben auch ein Rind müssen schon herhalten, wenn Sie nicht abends Ihre Füße zur Rekonvaleszenz abgeben möchten. ÖPNV ist hier unterentwickelt. Versagt Ihr Fahrzeug morgens den Dienst, dann haben Sie ein ernsthaftes Problem.am Hacken. Die Bahn fährt alle Jubeljahre, der Bus ebenso, und wenn Sie’s wirklich eilig haben, dann werden Stopps an jeder Milchkanne zur nervlichen Zerreißprobe.

Es gibt noch eine Siedlung, die nur drei Kilometer entfernt ist, eine Stadt namens Dannenberg (Elbe), die für uns ehemalige Stadtmenschen aber eher ein großes Dorf ist. Immerhin gibt es dort Ärzte, Einkaufszentren, Bildungseinrichtungen, einen Spochtverein, ein Amtsgericht und gar ein Krankenhaus, dessen Ruf jedoch eher als mittelprächtig zu bezeichnen ist. Immerhin entsteht aktuell ein Neubau — der damit einhergehende, geplante Image- und Qualitätssprung verspricht bessere Zeiten, in denen man den Besatzungen des RTW nicht mit letzter Kraft zuraunen muss, doch bitte einen großen Bogen um das lokale Hospital zu machen und einen Ort anzusteuern, wo man sich damit auskennt.
Die Bildung schneidet hier besser ab, was jedoch auch an der Infrastruktur liegen mag. Im direkten Vergleich zu Hamburg sind die entsprechenden Jahrgangsstufen hier viel weiter, aber der Problematik der sozio-kulturell benachteiligten Stadtteile und der zuweilen sträflich vernachlässigten Frage der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund begegnet man hier eben halt nicht so massiv wie in einer Großstadt.

Zahlreiche Menschen, die auf dem Land Urlaub machen, möchten die Zeit anhalten, vielleicht sogar, dass die Uhren anders ticken. Ohne Verpflichtung, ohne Netz, unerreichbar. Genau das aber ist den Residents mehr als nur ein Dorn im Auge. Nicht die Touristen, klar, sondern die mangelhafte Netzversorgung. Man kann die Wald- und Wiesenregionen natürlich abhängen, was sollen die auch mit Informationen, aber wenn ich 7000er DSL bezahle („Jaja, das ist verfügbar!“), will ich das auch haben, zumindest in einer akzeptablen Annäherung. Aber andere Landeier haben’s noch schlechter: Es gibt gar kein DSL. Da sehen Sie dann lustige Web’n’Walk-Sticks im Fenster baumeln. Wo wir da schon mal sind: Das Wort „Funkloch“ ist hier in manchen Ecken ein arg strapazierter Begriff.

An und Pfirsich aber ist das Leben hier ein Traum in Tüten. Prokrastinieren auf allerhöchstem und erholsamsten Niveau. Der Landkreis, der ständig über leere Kassen klagt, müsste ein bisschen Geld in die Hand nehmen und die touristische Infrastruktur ankurbeln. Das Wendland ist wunderwunderschön! Und das gilt sicherlich für viele andere ländlich geprägte Gegenden ebenso. Seit Fukushima öddeln alle mit dem Austieg aus der Atomenergie herum, die schwarz-gelben Ex-Atom-Lobbyisten versuchen, die Grünen eines Alleinstellungsmerkmals zu berauben, und das Wendland zieht schon seit Jahrzehnten gegen die unethische Energiegewinnung zu Felde. Gorleben und die ungelöste Entsorgungsfrage für Atommüll war und ist da sicherlich eine ganz gewaltige Triebfeder, aber das Wendland kann zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgt werden. Für den Öko-Tourismus sicherlich nicht uninteressant. Man muss es halt nur entsprechend herausstellen und sich positionieren. Taten, keine Jammerorgien, bitte!

Kultur — fast wäre sie weggerutscht. Wir haben kein großes Theater, keine Oper, kein Cinemaxx. Aber kleine Musikfestivals, kleine Kinos, sogar ein Kurzfilmfestival, Theater im kleinen Stil, Lesungen, Ausstellungen und einiges mehr. Auch in dieser Hinsicht ist das Wendland nicht repräsentativ für andere Regionen. Und für die großen Namen ist es nicht weit nach Hamburg oder Berlin.

Landlust überwiegt Landfrust, zumindest bei uns nun wirklich nicht mehr plötzlichen Landpomeranzen. Wir hatten schon in Hamburg Enten, mit denen wir Gassi liefen und die im Fleet badeten, aber hier können unsere Laufenten artgerecht leben. Wir haben Hühner, die uns Bio-Freiland-Eier legen und den Platz für eine Vogelvoliere, die unsere Goldammer Frau Piefke und deren Kanarien-Kumpels beherbergt. Ackerbau und Viehzucht im minimalen Maßstab. Klar, dafür muss man ein Faible haben, für die Gartenarbeit ebenso, aber wenn man den hat… Über Immobilienpreise möchte ich jetzt gar nicht reden — es würde Sie hoffnungslos frustrieren, wenn Sie in Hamburg oder München oder Berlin wohnen.

In diesem Sinne…

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2 Gedanken zu „Landlust oder Landfrust?

  1. Sehr schöner & sehr treffender Artikel!

    Ich reise seit Jahren ins Wendland (und seitdem fast nirgends anderswo mehr mehr hin) und würde es noch deutlich häufiger tun, wenn ich dazu nicht immer ein Auto bräuchte.

    Der Tipp mit dem Kurzfilm-Festival ist super. Zeit, mir mal wieder ein Auto zu leihen…

  2. Pingback: > Landlust oder Landfrust? “Plötzlich Landpomeranze” | puzzle *

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