Darf man Frauenfußball doof finden?

Quelle: Elbe-Jetzel-Zeitung 7.7.2011; Foto: dpa

Ein regelrechter medialer Hype ungekannten Ausmaßes schwappt da über uns hinweg. Frauen-Fußball-WM in Deutschland mit der eigenen Frauenschaft als amtierendem Weltmeister. „Die WM-Marketingmaschine rollt — Barbie, Panini und Frauen-Trikots“ titelt dann auch die rp-online. Selbst Fähnchen und Außenspiegelbezüge habe ich zuletzt vermehrt entdeckt.

Auch Frank Plasbergs „Hart aber fair“ vor zwei Tagen beschäftigte sich mit dem Thema: „Das verordnete Sommermärchen – müssen jetzt alle Frauenfußball gut finden?“. Mit den Töpperwiens, die zu den besten Fußball-Moderatoren des Landes zählen, Bärbel Wohlleben, die 1974 als erste Frau das Tor des Monats geschossen hatte, Uli „Stinkefinger“ Stein sowie einigen anderen.

Aber zurück zur Frage: Darf man Frauenfußball doof finden? Oh ja, man darf, wir leben in einem (weitgehend) freien Land. Man darf auch Männerfußball doof finden, wenn Sie mich fragen, oder gar den Sport als solchen. Kann man alles machen — frau auch. Aber man muss nicht. Einige Leute lieben Synchronschwimmen oder Curling, andere die Leichtathletik oder Bahnradfahren. Finden Sie doch gut oder doof, was Sie wollen.

Nur eines ist und bleibt inakzeptabel: Von oben auf die Fußballerinnen herabzuschauen und den Sport ins Lächerliche zu ziehen. Das ist unterstes Stammtisch-Niveau. Viele Herren, so auch Herr Schweinsteiger, begehen einen Kardinalfehler: Sie vergleichen Frauenfußball mit Männerfußball. Beklagen, dass Frauen etwas anders spielen, dass die Athletik fehlt, dass es weniger kampfbetont zugeht und technisch weniger versiert ist. Im Vergleich zum Männerfußball scheinen die Leibesübungen der Frauen tatsächlich anders abzulaufen. Es gibt Männer, die behaupten, im Frauenfußball bräuchte man keine Zeitlupe, weil ohnehin Tempo und Spritzigkeit fehlten.

Aber stimmt das überhaupt? Es gab einige Traumtore im bisherigen Turnierverlauf. Sauber herausgespielt, präzises Zuspiel, Volley- und Dropkick-Schüsse, so platziert, dass selbst Iker Casillas wohl seine Probleme gehabt hätte. Tempo-Gegenstöße, die diesen Namen auch wirklich verdient haben. Kombinationsfußball auf hohem Niveau.
Ein Problem sind die weiblichen Referees, wobei es Bibiana Steinhaus ausdrücklich auszunehmen gilt. Hier muss nachgebessert werden. Ein zweites Problem ist die mangelhafte Berichterstattung über den deutschen Liga-Alltag der Frauen. Es scheint, als gäbe es sie nicht. Die Töpperwiens machen dafür teilweise die DFB-Terminplanung verantwortlich. Mag sein, dass die für eine Live-Konferenz nach Männervorbild nicht geeignet ist, aber eine Kurzfassung der Highlights wäre im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wohl drin — und wenn’s zeitlich verschoben stattfindet. Ein sehenswerter Spielzug ist auch später noch … sehenswert.

Ich stehe dazu, dass ich die Frauen-WM aufmerksam verfolge. Nicht nur die Spiele der Deutschen, sondern auch möglichst viele andere. Schweden beispielsweise hat Spaß gemacht, Brasilien auch. Die Französinnen haben mich überrascht, Australien auch, der Weltranglisten-Erste, die USA, etwas enttäuscht, aber insgesamt gibt es wirklich guten Sport. Wenn wir endlich aufhören, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, jedem Sport seine Daseinsberechtigung zugestehen und Frauenfußball endlich ohne die Männer-Nummer im Hinterkopf zu schauen, dann ist doch alles blande.

Doof finden dürfen Sie Frauenfußball aber trotzdem. Schließlich finde ich ihn ja auch gut. Aber hören Sie endlich mit dem chauvinistischen paternalen Getätschel und den dummen Sprüchen auf. Denn das haben die Frauen weder verdient noch nötig.

In diesem Sinne…

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3 Gedanken zu „Darf man Frauenfußball doof finden?

  1. Ich finde Frauenfußball nicht doof – ich halte ihn für überbewertet. Es gibt wenige Länder, in denen der Frauenfußball so intensiv gefördert wird wie in Deutschland. Sogar die Saison wurde hier verschoben, Ende März war Schluss. Das läuft in anderen Ländern anders, wo es auch erheblich schwieriger ist, für ein „Hobby“ mal eben von der Arbeitszeit freigestellt zu werden. Das Extrembeispiel – Weltmeister Japan – hatte gar nur eine Woche wirkliche Vorbereitungszeit. Da spielte dann Erstligist Deutschland gegen Zweitligist Japan und ging gnadenlos unter (weil: Dritte Plätze sind ja was für Männer – Hochmut kommt vor dem Fall). Zu Recht, die Japanerinnen haben besser gespielt (wenngleich „gut“ nicht das ist, was mir dazu einfällt) und insbesondere mehr gekämpft. Sehr nach Rehagels Spielprinzip (alles nach hinten und auf Fehler des Gegners warten; dem Mann wirft man vor, dass er den Fußball damit zerstört!), haben sie es aber (wie Rehagel mit den Griechen) bis zum Titelgewinn geschafft. Dieser sei ihnen gegönnt – nicht etwa „nur“ wegen Fukushima, sondern weil sie mit ihrem Kampfgeist und ihrer Disziplin gewonnen haben. Im Finale zum zweiten Mal hinten liegen und trotzdem noch nach dem einstudierten System weiterspielen – das macht den Japanern keiner vor.

    Trotzdem werden die einzigen Fußballfrauen, die mir in den nächsten vier Jahren begegnen werden, die Zuschauerinnen am Millerntor sein (ganz vorneweg meine Frau, mit der man supertoll Siege feiern kann wie Sa. in Lübeck). Und das ist auch gut so. Denn eines kann man dem FCSP nicht vorwerfen: Dass sie die Türme so hoch bauen, dass die Luft oben zu dünn wird.

    • Überbewertet ist nicht das, was mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an Frauenfußball denke. Immerhin tut sich etwas — nur mit den Zuschauerzahlen und der Präsens in den Medien haut das nicht so wirklich hin. Dabei können die Frauen durchaus unterhaltsam spielen, zwar nicht immer, aber das tun die Männer auch nicht. (Nicht mal der geliebte FCSP. Aber das nur am Rande.)

      Eine Professionalisierung wäre jedenfalls wünschenswert.

      Noch ein paar Links zum Thema:
      Die großen Drei und die Leere
      Frauenförderung: Luft nach oben
      FÜR KEIN GELD DER WELT — Frauenfußball hinkt den Männern beim Einkommen hinterher
      Eine Profi-Liga für die Frauen – geht das?

      • Ach, die liebe Last mit den Einkommen – da kann ich nur sagen: Ein Sportprofi verdient, wenn man mit seiner Leistung verdienen kann. Schön erklärt von Willi Weber am Beispiel Michael Schumacher: Ferrari weiß, wieviel Geld die in ein Auto stecken müssen, um es eine zehntel Sekunde schneller zu machen. Wenn ein Fahrer konstant 2.5 Zehntel schneller fährt als die Konkurrenz (im vergleichbaren Auto), weiß man, warum Schumacher bei Ferrari soviel Geld verdient hat.

        Frauenfußball hat keine Sendeplätze, keine ausreichenden Werbekunden, etc. Solange das so ist, kriegen Frauen weniger, egal wie viele Titel sie holen.

        Es ist kein Platz für einen zweiten Massensport, der jede Woche ausgetragen wird. Darum wird der Frauenfußball immer hinter dem der Männer zurückstehen müssen.

        Der Markt fragt nicht nach Gleichberechtigung oder nach Einsatz, sondern nur nach Verkaufbarkeit eines Sports. Die Radsportler wissen davon Lieder zu weinen.

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