Vielleicht ist es zu viel verlangt, aber…

SEK beim Castor-Transport 2010 im Wendland Da oben hätte auch „Ich habe einen Traum“ oder „Was ich mir wirklich wünsche“ stehen können. Wissen Sie, eigentlich ist es im Wendland sehr schön. Wie in einer Cerealienwerbung. Aber in Kürze ändert sich das schlagartig. Dann rücken Bürger in Uniform an, um im Auftrage der Politik und gegen Bürger in Zivil den ungeliebten Atommüll-Behältern einen Weg ins Zwischenlager zu bahnen.

Dann gleicht der beschauliche Landstrich einem besetzten Land im Kriegszustand. Kaum jemand da draußen kann sich ein Bild davon machen, wie sich das Leben anfühlt in diesen Tagen. Und die Vorhut ist schon seit einiger Zeit hier. Aber zurück zu dem, was ich mir wirklich wünschte.

Hinter vorgehaltener Hand, quasi im Vertrauen, haben schon viele Polizisten kundgetan, dass sie gewisse Sympathien mit dem Widerstand und dessen Anliegen hegen. Offen würde das jedoch niemand zugeben. Genau das aber wäre durchaus hilfreich. Erinnern Sie diesen unsäglichen Einsatz der Ordnungshüter in Stuttgart? Mit unangemessener Härte wurde gegen Menschen wie Sie und ich vorgegangen. Menschen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Protest wahrgenommen haben. Keine gewaltbereiten, dogmatischen, verblendeten Extremisten, sondern ganz normale Bürger. Missbrauchen Polizeibeamte ihre Machtposition in dieser Art und Weise, so sind sie nichts anderes als Büttel der Politik, die sich willig prostituieren. Deeskalation jedenfalls sieht anders aus.

Es geht jedoch auch anders. Ich kenne einige Polizisten persönlich. Und die halten — zumindest privat — nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg. Immerhin sind sie Bürger. Menschen mit Gefühlen und Meinungen. Das aber geht im uniformen Verhalten unter. Zu allem Überfluss müssen sich Sicherheitskräfte im Großeinsatz nicht zu erkennen geben. Sie dürfen anonym agieren, rechtswidrige Vorgehensweisen bleiben somit weitgehend ohne Sanktionen. Das prangert auch Amnesty International an.

Vielleicht ist es zu viel verlangt, aber…

Ich wünsche mir Polizisten, die ihre Meinung sagen dürfen. Die eine Identifikation ermöglichen. Natürlich sollte die Sicherheit und persönliche Integrität der Beamten gewahrt bleiben. Großeinsätze wie der Castor-Transport verlangen den Beamtinnen und Beamten viel ab. Spaß sieht anders aus. Aber die Polizei ist nicht der Feind. Sie machen einen Job, der getan werden muss. Ungereimtheiten und Rechtsverstöße aber müssen nachvollziehbar sein. Es ist nicht von Nutzen, wenn Polizisten sich wie die Wildsäue aufführen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Weder für die Betroffenen noch für die überwiegende Anzahl an Beamten, die ihre Arbeit verantwortungsvoll und umsichtig erledigen.
Zur Entspannung der Gesamtsituation würde auch beitragen, wenn einige der Polizisten in der Formation sagen dürften: „Ich sehe das wie du. Müsste ich nicht hier stehen, würde ich bei Euch sein.“ Das wäre Deeskalation par excellence. Die Bereitschaftspolizisten aus Sachsen, die bei uns vorm Haus Stellung bezogen hatten, haben das getan. Niemand war aggressiv, zwischendurch wurde gar gescherzt, aber als es drauf an kam, wussten die, dass wir mit Nachdruck versuchen werden, den Transport noch ein wenig in die Länge zu ziehen, um den Einsatz noch etwas teurer zu machen, und wir wussten, dass wir mit Nachdruck daran gehindert werden mussten. Es war eine Art Spiel. Das gehört so, glauben Sie mir. Aber es wurden keine Sprengsätze gelegt oder Schlagstöcke geschwungen, die krachend auf irgendeinem Körperteil landeten. Es war eine fast sportliche Gegnerschaft — unaufgeregt, mit Respekt. Nicht zuletzt deshalb, weil jeder wusste, was er vom anderen zu erwarten hatte. Wie zwei Seiten einer Medaille.

Das wäre mein Traum. Aber er wird wohl einer bleiben, solange sich gewisse Dinge nicht ändern. Schade eigentlich.

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2 Gedanken zu „Vielleicht ist es zu viel verlangt, aber…

  1. Immerhin protestiert die Polizeigewerkschaft, weil die unklaren Angaben zu den Strahlenwerten zu hohe Unsicherheiten und Risiken für alle bergen, zudem ist es ein fieses politisches Kalkül und keine Notwendigkeit gewesen, den Castor-Transport drei Wochen später vorzunehmen, damit das Wetter auf der Seite sein wird von —- wem eigentlich? Auf Seiten der frierenden Polizisten doch nicht! Ist es Berechnung, daß dieser Umstand, daß es voraussichtilich eiskalt sein wird, die Haltung der Seiten gegeneinander verschärfen soll, wird das hoffentlich nicht funktionieren, sondern eher das Gegenteil bewirken, nämlich Unmut über diese zynische Umgangsweise mit der Gesundheit aller. Und genau das sollte endlich bewußt werden: wer so mutwillig um der Strategie willen das Wohlergehen anderer aufs Spiel setzt, ist – übertragen auf das größere, gefährlichere Anliegen – keiner, der sich als vertrauenswürdig erweist.

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