Hoch- oder Dochnochhöher-Wasser? Ein Landkreis wartet auf die Elbflut

Eines ist sicher: Sie kommt, die Elbflut. Kein Zweifel. Nur mit den Prognosen ist das so eine Sache. Mal soll das Hochwasser die bisherigen „Jahrhundertfluten“ toppen, dann wieder doch nicht, laut neuesten Vorhersagen doch wieder. Scheint ein bisschen wie Kaffeesatzlesen zu sein.

Zettelmeyer-Radlader vom THW holt Sandnachschub für Sandsack-Verladestation in Gusborn

Zettelmeyer-Radlader vom THW holt Sandnachschub für Sandsack-Verladestation in Gusborn

Seit Dienstag am späten Abend gibt es hier im Landkreis Lüchow-Dannenberg den Katastrophenfall. Einige unken, der Landrat Jürgen Schulz hätte zu früh nach der Kavallerie gerufen, aber hätte er das nicht gemacht, hätten die Vorbereitungen auf die Wassermassen der Elbe nicht so koordiniert und in relativer Ruhe und Besonnenheit getroffen werden können. So wuselten zuletzt 3.900 Hilfskräfte von THW, Feuer- und Bundeswehr in der Region herum. Dazu hunderte Zivilisten, und auch wir Landpomeranzen befüllten Sandsäcke im Akkord.

In den Sandkuhlen in Tramm, Gusborn und Gartow galt es, die unglaubliche Zahl von 1,2 Millionen Sandsäcken zu befüllen, um 25 Kilometer Deich im Landkreis aufzustocken und zu verstärken, damit die vierte „Jahrhundertflut“ in nur 11 Jahren (nach 2002, 2006 und 2011) keine größeren Schäden anrichten kann. Deichwachen kontrollieren den Zustand, das Betreten der Deiche ist Unbefugten bei Strafandrohhung (5.000 € immerhin) untersagt, Kreisstraßen im Bereich Penkefitz sind gesperrt. In den hiesigen Schulen ist die Schule seit Mittwoch ausgefallen, weil die auswärtigen Helfer Quartier brauchen, und die ganze nächste Woche bleibt das so. Die beiden Landpomeranzen-Jungs freut’s natürlich, aber sie haben selbst erlebt, was es bedeutet, sich für den Katastrophenfall zu rüsten.

Rechts wird in die Jutesäcke geschaufelt, links geknotet. THW & Zivilisten (im Bild ein Teil der Landpomeranzen) arbeiten gemeinsam.

Rechts wird in die Jutesäcke geschaufelt, links geknotet. THW & Zivilisten (im Bild ein Teil der Landpomeranzen) arbeiten gemeinsam.

Jeder Sandsack wiegt etwa 3 bis 4 Kilogramm, pro Palette werden 80 bis 90 Säcke kunstvoll gestapelt. Unser Familienverbund hat zu viert acht Paletten geschafft — also zwischen 640 und 720 Säcke, für die einiges über 2.000 Kilogramm Sand bewegt werden mussten. Für meine Kerle ist das Wort Sandsack jetzt jedenfalls kein abstrakter Begriff mehr.
Übrigens kann auch dieser Extremsituation etwas Positives abgewonnen werden: Der Zusammenhalt hier ist sensationell! Wie beim Castor-Transport halten die Wendländer geschlossen zusammen. Ortsansässige Firmen haben Fahrzeuge, Technik und Manpower bereitgestellt. Aber auch den (zumeist freiwilligen) Helfern aus ganz Niedersachsen (oder von noch weiter entfernt) kann an dieser Stelle nicht genug Respekt, Anerkennung und Dank gezollt werden.

Sandkuhle Gusborn -- Verladen einer Sandsack-Palette

Unaufhörlich strömen Kolonnen von Einsatzkräften an unserer Haustür vorbei, dazu Traktorengespanne mit Sandsackpaletten. Bleibt zu hoffen, dass diese Bemühungen nicht vergebens waren und die Deiche halten. Die Elbinsel in Hitzacker wird nun doch evakuiert, die erwarteten Höchststande wurden wieder nach oben korrigiert, nachdem es in den letzten Tagen nach weniger Wasser aussah. Aber mit verlässlichen Prognosen ist das ja — ich schrieb es eingangs — so eine Sache.

Das Problem dieser Flut zeigt sich gerade in Magdeburg: Der Scheitel ist lang, von 40 Kilometern ist die Rede, und der tagelange Hochstand drückt auf die Deiche und könnte sie durchweichen. Bei einem Deichbruch zwischen Dömitz und Penkefitz würden wir im Seybruch heftig nasse Füsse kriegen — oder mehr. In der Dannenberger Marsch, die gleich nebenan liegt, sollen 12.000 Tiere evakuiert werden. Soeben hat der Nachbar, der Hannoveraner züchtet, seine Pferde weggebracht. Kleinviehhalter wie wir mit unserem Geflügel müssen sich selbst kümmern. Unser Kombi ist ausgeräumt, Transportboxen stehen bereit. Im Notfall machen wir halt eine kleine Ausfahrt.

Aber noch gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Falls Interesse besteht: Die aktuellen Entwicklungen gibt es hier beim NDR.

elbe_wendland

[EDIT 21:30]
Also doch Nochhöherwasser. In Schnackenburg (in der Karte: 1) 7,75m, das übliche mittlere Hochwasser liegt bei 2,87m, die Prognose bei 8,40m. In Dömitz (Karte: 2) aktuell 6,97m, damit ist der Rekord von 2011 (6,72m) übertroffen, das mittlere Hochwasser liegt sonst bei 2,14m. Die Prognose sagt 7,65m voraus, Teile der Stadt sollen evakuiert werden. In Hitzacker (in der Karte: 3) sind es 7,82m (der Rekord von 7,70m von 2011 ist Geschichte), das mittlere Hochwasser liegt bei 2,76m, die Prognose bei 8,50m. Auch in Neu Darchau (Karte: 4) sagt die Prognose 8,50m voraus, momentan sind es 7,44m.

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3 Gedanken zu „Hoch- oder Dochnochhöher-Wasser? Ein Landkreis wartet auf die Elbflut

  1. oh Mensch, ich hab ne Gänsehaut. Und ich drücke euch ganz doll die Daumen, dass die Deiche halten. Mach‘ mir Sorgen um euch. Aber freue mich, dass ihr so toll vorbereitet seid.

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