Nachlese: Die gezwitscherte Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (21.3.2011)

Twitter Landtagswahl Sachsen-Anhalt Wahrscheinlich haben mehr Leute gezwitschert als in Sachsen-Anhalt gewählt haben. (Hashtags #ltwlsa / #ltwsa.) Die guten Nachrichten: B’90/Die Grünen sind wieder drin, die FDP muss leider draußen bleiben. Und obschon fast 12% der Sachsen-Anhaltiner, die jünger als 30 sind, die NPD gewählt haben (wer oder was auch immer hier Hirnfraß betrieben hat), ist der Landtag frei von schäferhunddruchfallbrauner Polemik. (Ich verneige mich in diesem Fall vor der 5-Prozent-Hürde.)

Hier mal einige Zwitschereien, ohne viel Gewese vor Ihre Nase geknallt (und weitgehend unkommentiert):

In Sachsen-Anhalt wurde heute gewählt. Und fragt jetzt bitte nicht, was Sachsen-Anhalt ist. [@zeitweise]

kleiner Aufruf: Lasst die #NPD Plakate hängen – die abzuhängen schaffen die nie, d.h. Geldstrafen und somit noch mehr Schulden #ltwlsa [@ChristophLSA]

Jedesmal, wenn die FDP irgendwo verliert, gewinnt ein Arbeitsloser wieder ein Stück Selbstachtung zurück #ltwsa 😉 [@Farlion]

Ein Nazi-freier Landtag als Grund zur Freude: Deprimierend! Wer sind diese 4,7% Naziwähler? Hat da irgendein Zoo Tag der offenen Tür? [@dieternuhr]

Die Konservativen haben in Sachsen-Anhalt fast eine Zweidrittelmehrheit: CDU und Linke zusammen bei 64 Prozent. [@sixtus] Weiterlesen

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+BREAKING+ „Knut ist tot!“

Oh je, als hätte die Welt keine anderen Probleme. Nicht, dass in Lybien geschossen und zurückgeschossen und flugverbotszoniert würde, nicht, dass in Japan die Erde gebebt, ein Tsunami umhergeschwappt und die Atomkraft massive Probleme bereitet hätte, keinesfalls, nein, natürlich nicht. Und in Bahrain und dem Jemen und so ist die Lage auch übersichtlich und wirklich fein. Ach, Sankt Pauli hat auch nicht verloren in Frankfurt.

In so einer Situation kann man sich dem Eisbären Knut zuwenden, da hat man dann den nötigen freien Kopf, um das Ableben eines Tieres in Gefangenschaft als +EILMELDUNG+ zu verbreiten. Nun isser also tot, der Knut.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist es traurig, wenn ein Lebewesen stirbt. Aber der Knut-Hype war nie der meinige, ich bin nicht nach hinten umgebrochen und habe „Ach Gott, wie süüüüüüüüüß!“ geschrien, und den zahlreichen zahllosen „Dokumentationen“ habe ich mich konsequent entzogen. Habe mich derweil lieber in die Gosse gehockt und mit den Füßchen geschabt und eine Tasse Hagebuttenlikörchen geschlürft.

Ich habe verdrängt, wer das heute als Eilmeldung vermeldet hat. Auf die Twitteria ist aber Verlass. Weiterlesen

Tagesnachlese: Atom spezial (17.3.2011)

Bei Facebook der Gipfel der Geschmacklosigkeit: Erdbeben und Tsunami als Rache Gottes für Pearl Harbour. (Als hätten die USA nicht schon „Little Boy“ und „Fat Man“ auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.) Nicht zu fassen!!! *FINGERINHALSSTECK*

Gezwitschert wurden solche Widerlichkeiten nicht, zumindest nicht in meiner Timeline. Dafür solche Sachen:

Merkel und Westerwelle, frei nach dem Motto, was kümmert unser Geschwätz von Gestern, wenns um Wählerstimmen geht. [@IliasNemo]

Angst ist normal dieser Tage, und wenn’s die vor Machtverlust ist. Aber angeblich konnte man das, was in Japan passiert, niemals nicht vorhersehen, „dann verändert das die Lage. […] Dann haben wir eine neue Lage“ (O-Ton Merkel) und auf diese niemals nicht vorhersehbare Situation musste umgehend reagiert werden.

(Finde es übrigens nicht so super, dass die deutsche AKW-Diskussion auf Prämissen basiert, deren Kontext damit parallel überschattet wird.)  [@aniella]

Genau das habe ich auch gerade gedacht. Genau das.

„Wir schalten sieben #AKW’s vorrübergehend ab“ ist die missgebildete kleine Schwester von „ich gebe meinen Doktortitel vorrübergehend ab“. [@karpfenpeter]

Pleiten, Pech und Pannen. Diese bienenfarbene Regierungskoaltion findet jedes Fettnäpfchen. Garantiert!

So oft, wie #Japan meldet, das die Radioaktivität zurückgegangen ist, deutet das wohl auf den Fund eines schwarzen Lochs hin. #Fukushima [@happyarts]

Ich habe sogar ein schwarzes Loch im Garten. In der Nachtschwärze ist meine Latrinengrube eine echte Gefahr! Davon abgesehen: Die Informationspolitik in Japan kann bestenfalls als stark schwankend eingestuft werden.

Kann man die Lecks in den Reaktoren nicht mit Spekulanten stopfen? [@pantoffelpunk]

Kann man, aber das verstärkt angeblich die Reaktionen. Sollte man also lieber lassen. Weiterlesen

Skeptische Atomingenieure und nicht regelbarer Mut

Common Cause Failure: Das Versagen mehrerer Komponenten oder Systeme. Ein Fehler, und mehrere Systeme fallen aus. (In Japan war der CCF der Tsunami, der einen Ausfall der Kühlsysteme hervorgerufen hat. Aber den braucht es gar nicht, auch kein Beben. Wenn bei Unterbrechung der Stromzufuhr, beispielsweise nach Stromausfall, die Kühlung der Brennstäbe ausfällt und der Notstrom nicht anspringt, dann ist die Kernschmelze schneller da, als man sich in Ländern mit ach so sicheren AKW vorstellen kann. So ein CCF kann immer und überall passieren.)

Lars-Olov Höglund, ehemaliger Chef der Konstruktionsabteilung von Vattenfall und für den Beinahe-GAU-Reaktor Forsmark in Schweden, wurde von Plasberg in der gestrigen „Hart aber fair“-Sendung gefragt, warum er als Ingenieur der Atomkraft so kritisch gegenüber steht. Hat er sich vom Saulus vom Paulus gewandelt?

Seine Antwort finde ich sehr bezeichnend:

„Ich habe ja mein ganzes Leben nur mit Atomkraft gearbeitet. Aber ich war immer skeptisch. Und immer mißtrauisch. Und das waren alles seriöse Leute, die in dieser Branche damals gearbeitet haben, die waren … es gab keine fanatischen Atomkraftbefürworter, die mit Atomkraft gearbeitet hat. Es war von Anfang an eine Brückentechnologie. Man hat sofort, wenn man damit sich beschäftigt hat, hat man gemerkt, es ist eigentlich nicht möglich, hundertprozentige Sicherheit zu bekommen, und … aber deswegen man muss skeptisch sein. wenn man überhaupt damit arbeiten soll.“

Übrigens: Seiner Meinung nach ist ein alter Reaktor wie ein altes Auto. Ein Käfer, so wurde angeführt, ließe sich heute nicht mehr auf die neueste Sicherheitstechnik bringen. Ein altes Atomkraftwerk auch nicht. Sagt nicht nur Höglund, sondern auch Stephan Kurth vom Öko-Institut.

Ansonsten war sie nicht der große Wurf der Erkenntnis, diese Sendung. Parteigezänk, obschon vehement abgestritten, zu zögerliche Aussagen von Ursula Völker von IPPNW, die bekannten Schönfärbereien von Ralf Güldner, dem Präsidenten des Deutschen Atomforums. Selbst Klaus von Dohnanyi, der mal 1. Bürgermeister in Hamburg war, erinnerte mich eher an einen Wanderprediger und verteidigte Merkel und Konsorten für deren Zurückrudern. Das war mir zu unkritisch.

Aber als die 50 freiwilligen (?) Arbeiter in Fukushima zur Sprache kamen, die sehenden Auges ihrem eigenen Untergang entgegensteuern, um die Kernschmelze zu verhindern, sagte er etwas Denkwürdiges:

„Mut kann man nicht regeln, Herr Plasberg. Mut kann man nicht regeln. Und das, was in Japan geschieht, ist ein Aufopfern von wenigen für eine große Stadt in der Nachbarschaft, für ein Land. Etwas, was wir weitgehend vergessen haben, was aber nach meiner Meinung eine Gesellschaft nie ganz vergessen darf.“

Tagesnachlese (13. und 14.3.2011) Atomares Twitter-Special

Ein atomares Special, passend zur allgemeinen Gemengelage in Japan.

Kernschmelze für die Union: Manchmal erkennt sogar Angela Merkel, dass man nicht jedes Problem aussitzen kann. [@NachDenkSeiten]

einhergehend mit dem Artikel „Kernschmelze für die Union„.

+++ Eilmeldung: Überprüfung der deutschen Reaktoren abgeschlossen. Ergebnis: Alle noch da! +++ [@hirnseide]

Na, dann ist ja gut. Merkel, die Herrin, hat sie gezählet / dass ihr auch nicht eines fehlet / an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Am lustigsten: Mappus, der Erfinder der Laufzeitverlängerung macht in Anti-AKW-Kämpfer. Wes‘ Brot ich ess, des‘ Lied ich sing. [@pantoffelpunk]

Was japanische Beben so auslösen können: Erdrutschartige Kehrtwendungen im deutschen Politikerneuronengeflecht. Apropos Brot: Ich dachte immer, die würden Wasser predigen und Wein trinken…

Bayerns Umweltminister Söder will eine „Denkpause“ in der Atompolitik. [Hier bitte Witz einfügen.] [@bov]

Der Witz des Tages: Die CDU-CSU/FDP-Koalition. (Das war’s schon, mehr kommt nicht.)

Huch, #Atomkraftgegner waren doch in der letzten Woche noch #Fortschritts-und Zukunftsverweigerer. [@laRossa05]

Sind wir doch immer noch. Wird sich bis zum Ende des Moratoriums wieder eingependelt haben. Versprochen. Weiterlesen