Landlust oder Landfrust?

In der brandneuen ZEIT kann man im Reiseteil aufs Land abschweifen. Die Welt scheint dort in Ordnung zu sein, auf dem Land jetzt, viele Stadtmenschen zieht es irgendwann ins Gemüse, aber es ist natürlich nicht nur Bullerbü-Romantik, sondern hat ganz eigene Problemzonen. Solche, von denen die urbane Welt vielleicht nichts ahnt. Andererseits gibt es sie doch, die Werberomantik — man muss sich nur darauf einlassen.

Sollten Sie, wie es viele in kafkaesken Häuserschluchten und Trabantenstädten tun, mit dem ländlichen Leben liebäugeln, so dürfen Sie das natürlich gerne tun. Nach kaum mehr zählbaren Jahren in der vermutlich sicherlich schönsten Stadt der Welt — die Rede ist von Hamburg, aber das haben Sie sich bestimmt schon gedacht — wurde ich vor knapp einem Jahr mit sanfter Gewalt in die nordostdniedersächsische Pampa gezerrt, im Prinzip gegen meine Überzeugung, aber mit dem nötigen Nachdruck, um meine Freie und Hansestadt zu verlassen. Und wissen Sie was? Ich würde es wieder tun! Allen Problemzonen zum Trotz. Weiterlesen

Politischer Instinkt ist zuweilen Glückssache

Im Ernst, ich hab’s ja sonst nicht so mit dem Klaus, dem ERNSTen, und prinzipiell halte ich die Linke für zuweilen überambitioniert, aber dieser Aschermittwochssatz gehört in die Annalen:

„Wenn Abschreiben ein Zitierfehler ist, ist Ladendiebstahl ein Einkaufsfehler.“

So ist das also. Ich hab’s doch immer gewusst.

Wo wir schon mal so unter uns und ganz politisch sind: Beim neuen Innenobermeister in Berlin übrigens hatte ich von Anfang an kein gutes Gefühl. Sein „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“-Gebrabbel ist mindestens zarrazinesk, aber es hat im Alltag vieler noch eine ganz andere Dimension. Ich habe keine Aishes oder Aysus, auch keine Acabs (Entschuldigung, der musste jetzt sein!), aber wenn Sie wissen möchten, mit was sich — Herrn Friedrich (und anderen instinktlosen Menschen) sein Dank — andere Lehrer herumschlagen müssen, dann huschen Sie doch mal kurz hier hin. Fräulein Krise, die an der pädogogischen Borderline interveniert, ist auch ansonsten sehr lesenswert und sicherlich eine der überraschenden Entdeckungen der letzten Zeit.

Dort jedenfalls steht unter anderem (und ich erlaube mir zu zitieren*):

„Denn ICH sehe es nicht mehr ein, dass ich täglich meine Kraft und Nerven damit vergeude, unter schlechten Bedingungen Brücken zu bauen, die Sie im Maßanzug ganz nonchalant zwischen Tür und Angel einreißen.“

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* Nicht, dass ich mich hinterher mit Plagiatsvorwürfen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen herumschlagen muss!

Was wir nach 14 Tagen des Landpomeranzen-Daseins mitnehmen können

So einiges.

Die Schule ist teurer, der Hort auch, die Materialliste für die Schule umfangreicher, die Hausaufgaben ebenso. Die Einschulung beginnt traditionell mit einem Gottesdienst und findet — ebenso traditionell — an einem Samstag statt.

Die Wege auf dem platten Land sind weit, aber das wussten wir vorher. Seit vielen Jahren ist in unserem kleinen Ortsteil Seybruch niemand mehr in den Bus gestiegen. Wir mussten daher das zuständige Unternehmen erst unterrichten, dass es ab sofort wieder Schüler gibt, die transportiert werden müssen.
Passend dazu: Die mangelnde Verkehrssicherheit vor der Tür. Über die vermeintliche 50-Zone haben wir bereits berichtet. Es ist quasi unmöglich, dass die Jungs die Bundesstraße alleine überqueren — von Freunden, die sie besuchen wollen, mal ganz abgesehen. Trotz frühzeitigen Blinkens kleben uns die nachfolgenden fahrbaren Untersätze regelmäßig an der Stoßstange, weil sie zu schnell um die Kurve gerauscht kommen. Nach einigen Nachfragen bei den vermeintlich zuständigen Stellen schiebt man sich untereinander die Verantwortung zu, aber eine Ampelanlage wird es wohl nicht geben, da Seybruch keine geschlossene Ortschaft ist. Scheint wie so oft zu sein: Erst, wenn etwas passiert ist, passiert etwas. Prävention als Fremdwort? Wir bleiben hartnäckig und formulieren gerade eine schriftliche Anfrage.

Regelhaft wird hier sehr offensiv Auto gefahren … man könnte auch sagen, dass gedrängelt und gerast wird. Dabei tun sich die Mecklenburg-Vormommerer (LWL), die Altmarker aus Sachsen-Anhalt (SAW) sowie die Prignitzer aus Brandenburg (PR) ebenso hervor wie die Locals des Lankreises (DAN). Überholt wird an allen möglichen und unmöglichen Ecken, nicht immer mit Erfolg, wie die Kreuze am Wegesrand andeuten.

Erkläre deinem Bezahlfernseh-Anbieter genau, was du vor hast, sonst schckt man die zwar genau das richtige Gerät mit der passenden SmartCard für das aus der Luft gegriffene Signal, führt dich aber weiter als Kabelkunden, und die bewegten Bilder in Farbe und bunt bleiben aus. In diesem Zusammenhang, auch das mussten wir lernen, sollten für die Befestigung im Außenbereich stets gute Schrauben verwendet werden — der nötige Wechsel des LNB wegen der digitalen Umstellung musste brachial mit Eisensägen durchgeführt werden, selbst ein Entroster-Einsatz brachte nichts ein.

Unserem Vogel, den wir vor einigen Wochen als Jungvogel nach einem Sturz aus dem Nest entdeckt und aufgenommen haben, geht es ausgezeichnet. Anfänglich hielten wir ihn für einen Erlenzeisig, aber die Zeichnung nach der Mauser weist eher auf ein Goldammer-Mädchen hin. Auswildern geht nicht mehr, der gefiederte Kollege ist zu einem Haus- und Familienvogel verkommen, der auf dem Kopfkissen übernachtet, durchs Haus fliegt und sich auf dem Kopf ganz wunderbar wohl fühlt. Sei’s drum.

Goldammer-Weibchen, Foto, Bild, Vogel, Singvogel, Emberiza citrinella

Handaufgezogenes Familienmitglied

Wir haben viele neue, sehr nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt, aber leider auch feststellen müssen, dass man sich in so manchem vordergründig freundlichen Zeitgenossen mächtig täuschen kann. In Hamburg lernt man den Wert der verbindlichen Absprache mit Handschlag kennen, aber das gilt offensichtlich nicht für alle Situationen und Mitmenschen. Herbe Enttäuschungen inklusive, vor allem dann, wenn man des Sachverhaltes über Dritte Gewahr wird. Und wir haben auch noch Kaffee und Kuchen serviert…

Zum Schluss: Wir fühlen uns im wendländischen Gemüse sauwohl. Klar vermisse ich Hamburg dann und wann, vor allem meinen geliebten Kiez und den Hafen, aber das Leben hier ist wesentlich entspannter unter dem Strich. (Ein Schelm, der wegen des Striches nun gedankliche Parallelen zum Kiez zieht.)

Fachwerkhaus Seybruch, Niedersachsen, Wendland, Foto, Bild

Ante portas

Landpomeranzen, die WM und die die digitale (R)Evolution

teamgeist wm-ball 2006DVB-T, das „Überall-Fernsehen“. So weit die Theorie, die graue. Da kegeln die deutschen Recken „Rule Britania! / Britannia rule the waves“ aus dem Wettbewerb, und ich wäre fast nicht dabei gewesen. Trotz DVB-T. Oder wegen.

Das Wendland soll angeblich einige Sender vorhalten, aber davon hat Siemen, die weltrühmliche Wohnstatt meiner Schwiegermutter, wohl noch nichts gehört. Mit meinem DVB-T-tauglichen Gerät im Gepäck, wollte ich angesichts der Hochwetterlage, die das Tief Heike abgelöst hatte, das Public viewing in den Garten verlegen. Der Sendersuchlauf war eher mager, es gibt nur Bildungsfernsehen in Form von arte, Phoenix und Eins extra. Allesamt nicht die Sportsender Nummer 1, wenn ich nicht irre.

Schließlich fand ich doch noch Das Erste, und so stand dem Genuss — und ein solcher war es diesmal wirklich — am Busen der Natur zwischen Schnittlauch und Petunien nichts mehr im Weg. Nur das ZDF wollte nicht auftauchen. Sei’s drum: Diese WM findet ohnehin weitgehend noch in Hamburg statt, das Wendland ist derzeit noch Gastregion.

Und während einer der unterirdischsten Kicks dieser WM, das Achtelfinale zwischen Paraguay und Japan gerade wenige Stunden vorbei ist und sich die Teams von der iberischen Halbinsel aktuell gegenüberstehen, hoffe ich für weitere Großereignisse dieser Art auf Besserung. In zwei Wochen wird es ernst. Bis dahin fliegen noch einige der vielgeschmähten Sportgeräte über südafrikanische Plätze.

Nun zurück zu meinen geliebten Portugiesen, die hoffentlich das bessere Ende für sich haben werden. Sollten die Spiele zu langatmig werden, können Sie hier Ihr Fußball-Englisch etwas auffrischen. Dann kann Sie Wayne Rooney wenigstens verbal nicht an die Wand und so, falls Sie ihn im Urlaub auf Mallorca treffen sollten. Er hat ja jetzt genug Zeit, am Strand über die Schmach gegen Deutschland nachzudenken. Möglicherweise sollte er jedoch einen Erholungsurlaub im wendländischen Gemüse in Betracht ziehen — das macht den Kopf frei, ehrlich. Middefeitz statt Ballermann. Klingt doch auch viel hübscher, nicht wahr? Und wenn dann noch DVB-T auch in Niedersachsens wildem Osten wirklich angekommen ist…

FORÇA PORTUGAL!
FORÇA PORTUGAL [Quelle]

Unser Service für alle, die dem Hochdeutschen lieber aus dem Wege gehen

Manchmal hält ja schon die pure Sprache Menschen davon ab, einen Internetauftritt lesen zu wollen. Oder zu können. Deshalb hier unser Service für alle

Wenn Sie Ihren Leserinnen und Lesern diesen Komfortdienst ebenfalls zur Verfügung stellen wollen: Bitte schön! Tun Sie sich keinen Zwang an.

In diesem Sinne…

Der Satellit und das Fachwerkhaus

Kennen Sie auch diese unvergesslichen Tage? An die Sie sich vermutlich noch in vielen Jahren erinnern werden?

Gestern war so einer, weil einiges zusammenkam.

Das Wetter, bislang … schietig … eines sogenannten Wonnemonats mehr als unwürdig, legte eine Schlechtwetterpause ein. Mit Temperaturen, die eine Idee von Sommer vermitteln konnten. Und Sonne und Grilltauglichkeit.

Wir mussten ins Landpomeranzenland, was engesichts der äußeren Bedingungen irgendwie leicht von der Hand ging. Der Vertrag für das Wohnträumchen wollte unterzeichnet werden. Weiterlesen

Erwartungshaltung: Kulturschock!

Man soll sich alle 7 Jahre häuten, sagt man. Eine Rundumerneuerung.

Stellen Sie sich vor: Stadtmensch — Hamburger, um genau zu sein –, offen bekennender Sankt Paulianer mit Kiez-Affinität, wird von seiner Familie zwangsumgezogen. Ins Gemüse. Ins wendländische Gemüse, um wiederum faktisch genau zu sein. Dritte Milchkanne links, hinter der Kuh in die Eisen steigen, Busch beiseite schieben — Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Aus der Stadt getrieben, wie die Sau, die man durchs Dorf jagt. Gegen die innere Überzeugung, gegen das urbane Herz. Etwas Nagelähnliches vergrub sich im mentalen Türrahmen. Erster Gedanke: „Ihr müsst mich schon unter Drogen setzen. Oder erschießen.“ Gebracht hat es wenig — außer Kratzspuren, die zwischenzeitlich verheilt sind, der Umzug aber ist beschlossene Sache.

Glauben Sie mir, dass war ein Abnabelungsprozess erster Güte. Nichtwahrhabenwollen, Zorn und Wut, Verhandeln, depressive Phase, Resignation, schließlich Zustimmung und gar hoffnungsvolle Erwartung. Das erinnert Sie an etwas? Stimmt, es war auch etwas wie ein Sterbeprozess. Ein Stück meines mühsam während des Sozialisationsprozesses erarbeiteten Ichs ist dabei auf der Strecke geblieben. Gäbe es etwas wie Distra gegen Urbanitäts-Entzugserscheinungen — ich hätte es genommen, um mir das Delirium tremens zu ersparen, welches ich durchleben musste.

Aber der Homo sapiens ist, das impliziert schon der wissenschaftliche Name, ein einsichtiges Ding. Ich habe eingesehen, dass Widerstand gegen eine Ehefrau und die Lendenfrüchte  nichts bringt. Nichts außer Ärger. Drei gegen einen ist unfair, aber über manche Brücken muss man halt gehen. Und wer A sagt, kann auch ebenso gut „lsogutwirmachenes“ hinten dran hängen.

Die Identitätskrise ist definitiv wohl überwunden, ich habe mich abgefunden. Der Kulturschock kann kommen — ich nehme die Herausforderung an. (Zumal das Wendland keine unbekannte Größe ist.)

Damit Sie eine Idee davon bekommen, um was es hier geht, und damit Sie nachvollziehen können, warum es mir letztlich doch nicht ganz so schwerfällt, „lsogutwirmachenes“ zu sagen, dürfen Sie nun mal einen Blick auf die Immobilie werfen. Exklusiv. Weil Sie’s sind.