’ne Leber oder: Das thematisch hypersensibilisierte Kind

Ich zwitscherte es vorhin. Die Motorrad-Saison ist eröffnet.

Und immer dann, wenn ich die Möhren beschleunigen sehe (und vor allem: höre), dann fällt mir angesichts der mangelnden Organspendebereitschaft eine kleine Anekdote ein, die ich vor einigen Jahren miterleben durfte, als ich noch im OP des UKE in Hamburg gearbeitet habe. (Damit wären wir dann auch beim Thema „Thematisch hypersensibilisiertes Kind“.)

Eine Kollegin, ihres Zeichens Ohne-Wahrnehmungs-Medizinerin und oft bei Organentnahmen dabei, fährt mit ihrer Tochter im Auto auf der Bundesstraße. Plötzlich überholt ein Motorrad mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und schafft es gerade eben, vor dem entgegenkommenden Verkehr wieder einzuscheren.
Da sagt das Kind zu seiner Mutter: „Mama, guck‘ mal, ’ne Leber.

Was wir nach 14 Tagen des Landpomeranzen-Daseins mitnehmen können

So einiges.

Die Schule ist teurer, der Hort auch, die Materialliste für die Schule umfangreicher, die Hausaufgaben ebenso. Die Einschulung beginnt traditionell mit einem Gottesdienst und findet — ebenso traditionell — an einem Samstag statt.

Die Wege auf dem platten Land sind weit, aber das wussten wir vorher. Seit vielen Jahren ist in unserem kleinen Ortsteil Seybruch niemand mehr in den Bus gestiegen. Wir mussten daher das zuständige Unternehmen erst unterrichten, dass es ab sofort wieder Schüler gibt, die transportiert werden müssen.
Passend dazu: Die mangelnde Verkehrssicherheit vor der Tür. Über die vermeintliche 50-Zone haben wir bereits berichtet. Es ist quasi unmöglich, dass die Jungs die Bundesstraße alleine überqueren — von Freunden, die sie besuchen wollen, mal ganz abgesehen. Trotz frühzeitigen Blinkens kleben uns die nachfolgenden fahrbaren Untersätze regelmäßig an der Stoßstange, weil sie zu schnell um die Kurve gerauscht kommen. Nach einigen Nachfragen bei den vermeintlich zuständigen Stellen schiebt man sich untereinander die Verantwortung zu, aber eine Ampelanlage wird es wohl nicht geben, da Seybruch keine geschlossene Ortschaft ist. Scheint wie so oft zu sein: Erst, wenn etwas passiert ist, passiert etwas. Prävention als Fremdwort? Wir bleiben hartnäckig und formulieren gerade eine schriftliche Anfrage.

Regelhaft wird hier sehr offensiv Auto gefahren … man könnte auch sagen, dass gedrängelt und gerast wird. Dabei tun sich die Mecklenburg-Vormommerer (LWL), die Altmarker aus Sachsen-Anhalt (SAW) sowie die Prignitzer aus Brandenburg (PR) ebenso hervor wie die Locals des Lankreises (DAN). Überholt wird an allen möglichen und unmöglichen Ecken, nicht immer mit Erfolg, wie die Kreuze am Wegesrand andeuten.

Erkläre deinem Bezahlfernseh-Anbieter genau, was du vor hast, sonst schckt man die zwar genau das richtige Gerät mit der passenden SmartCard für das aus der Luft gegriffene Signal, führt dich aber weiter als Kabelkunden, und die bewegten Bilder in Farbe und bunt bleiben aus. In diesem Zusammenhang, auch das mussten wir lernen, sollten für die Befestigung im Außenbereich stets gute Schrauben verwendet werden — der nötige Wechsel des LNB wegen der digitalen Umstellung musste brachial mit Eisensägen durchgeführt werden, selbst ein Entroster-Einsatz brachte nichts ein.

Unserem Vogel, den wir vor einigen Wochen als Jungvogel nach einem Sturz aus dem Nest entdeckt und aufgenommen haben, geht es ausgezeichnet. Anfänglich hielten wir ihn für einen Erlenzeisig, aber die Zeichnung nach der Mauser weist eher auf ein Goldammer-Mädchen hin. Auswildern geht nicht mehr, der gefiederte Kollege ist zu einem Haus- und Familienvogel verkommen, der auf dem Kopfkissen übernachtet, durchs Haus fliegt und sich auf dem Kopf ganz wunderbar wohl fühlt. Sei’s drum.

Goldammer-Weibchen, Foto, Bild, Vogel, Singvogel, Emberiza citrinella

Handaufgezogenes Familienmitglied

Wir haben viele neue, sehr nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt, aber leider auch feststellen müssen, dass man sich in so manchem vordergründig freundlichen Zeitgenossen mächtig täuschen kann. In Hamburg lernt man den Wert der verbindlichen Absprache mit Handschlag kennen, aber das gilt offensichtlich nicht für alle Situationen und Mitmenschen. Herbe Enttäuschungen inklusive, vor allem dann, wenn man des Sachverhaltes über Dritte Gewahr wird. Und wir haben auch noch Kaffee und Kuchen serviert…

Zum Schluss: Wir fühlen uns im wendländischen Gemüse sauwohl. Klar vermisse ich Hamburg dann und wann, vor allem meinen geliebten Kiez und den Hafen, aber das Leben hier ist wesentlich entspannter unter dem Strich. (Ein Schelm, der wegen des Striches nun gedankliche Parallelen zum Kiez zieht.)

Fachwerkhaus Seybruch, Niedersachsen, Wendland, Foto, Bild

Ante portas

Eine Pseudo-Tempo-Beschränkung

Seybruch, der Dannenberger Ortsteil, in welchem das Wohnträumchen steht, liegt an einer Straße. Nicht unüblich, dass sich im Gemüse die Dörfer ebenda befinden. Und prinzipiell auch nicht unpraktisch, weil auch plötzliche Landpomeranzen dann und wann mal los müssen.

Dankenswerterweise ist die Geschwindigkeit auf 50 km/h beschränkt. Allerdings nur in der Theorie, die ja bekanntlich meist grau ist. Seybruch besteht aus sechs Anwesen plus einem ehemaligen Gasthof, in dem sich nach langer Schließung wieder etwas regt. Ungefähr zwei Grundstücke vor dem der Landpomeranzen versieht eine Radarfalle ihren Dienst. Eine von diesen schicken neuen Teilen, die kilometerweit zu sehen sind. Ergo tritt fast jeder auf die Bremse, wenn das Ding ins Blickfeld gerät. Sobald die Blitze allerdings passiert wurde, wandert der Fuß wieder aufs Gaspedal. Ob Reisebus, Lastkraftwagen oder Fiat Panda — auf Höhe unseres Grundstücks befinden sich die meisten wieder im Tiefflug.

Ich überlege ernsthaft, einen Starenkasten am Zaun zu installieren, der den wunderschönen Tieren einen Unterschlupf bietet, aber für die verrotteten Vollpfosten ganz nach einer Blitzanlage aussieht. Vielleicht bringt’s ja was. Denn niemand ist unfehlbar, selbst der Denunziant „Knöllchen-Horst“ aus Osterode am südwestlichen Rand des Harzes nicht.